Wochenbett inkl. Gallen-OP mit (Still-)Baby (Teil 2)

Stillen_GallenOP_Operation

Das Ereignis liegt nun schon bald zwei Jahre zurück und ich wollte es seit einem Jahr schon verbloggen, aber immer wenn ich mich an das Thema gesetzt habe, war ich zu emotional um die Tasten ohne Tränen und halbwegs gefasst zu treffen. Ich habe über die Vorgeschichte dieser Operation schon in Teil 1 von meiner Kolik inklusive Bauchspeicheldrüsen- und Leberentzündung geschrieben. Zum Zeitpunkt meiner Entlassung hatte ich damals den OP-Termin vier Wochen später. Mein Körper hatte anderes vor. Eines möchte ich vorweg sagen: Auch wenn es sich vielleicht an manchen Stellen so liest, als hätte ich, bzw. wir, das alles mit links durchgestanden: Mitnichten. Erst viel später wurde mir klar, wie hart mein Wochenbett war – denn eigentlich war es keines – und wie schwer mir das emotional auch nach hängt (bis heute). Denn ich hatte letztendlich einfach nur Angst um mich und mein Baby, um meine Familie, anstatt mich daheim bemuttern zu lassen und das Ankommen mit dem Baby in der Vierer-Familie zu genießen.

Ich hatte also vier Wochen um mich auf diese – für mich wirklich große Operation – vorzubereiten, auch wenn sie minimalinvasiv geplant war. Genug Milch abpumpen stand auf meinem Plan, denn auch wenn ich mir sicher war, dass ich mein Kind danach wieder stillen und versorgen kann, wollte ich für den Fall der Fälle erstmal genug Milch für den Mann und das Milchmädchen daheim zur Verfügung wissen. Ich pumpte also jeden Morgen sofort nach dem Aufstehen mit einer elektrischen Pumpe und habe am Tag ca. 300 – 450 Milliliter Milch abgepumpt für die OP. Das Milchmädchen gedieh in der Zeit prächtig, sie beharrte weiter darauf abgehalten zu werden anstatt in die Windel zu machen und wir haben uns dann einfach darauf eingelassen. So knapp vier Tage vor der geplanten Operation ging es mir dann plötzlich wieder sehr viel schlechter. Ich weiß noch, dass ich den Sohn aus der KiTa abholen musste mit dem Auto, das Milchmädchen war auch dabei. Bereits in der KiTa wurde mir schwummrig, ich versuchte das weg zu lächeln aber es gelang mir nur noch schwer. Alles krampfte in mir und ich dachte nur, scheisse, bitte nicht nochmal. Ich hab eisern an einen verdorbenen Magen geglaubt oder was auch immer gehofft. Als ich dann auf dem Rückweg auf der Landstraße war wurde mir schwindelig hinterm Steuer. Ich fuhr langsam und habe ununterbrochen mit mir selbst gesprochen, dass ich jetzt nicht umfallen kann. Daheim angekommen, eine Familienfeier im Gang, habe ich die Kinder nur Oma in die Hand gedrückt und mich weinend ins Bett verkrochen. Ich hatte Schiss. Ich hatte Angst. Ich wusste, da geht gerade wieder so ein beschissener Gallenstein durch den Gallengang. Ich rief den Mann an, der natürlich Spätdienst hatte und sagte, er muss heim kommen. Ich lag im Bett als er kam und er meinte nur, dass ich ab in die Klinik müsse und warum ich mich nicht unlängst habe fahren lassen. Ich wollte die Feier nicht stören. Und ich wollte den Scheiss ja auch gar nicht haben. Wir packten ein paar Sachen und das Milchmädchen ein, fuhren in die Klinik und saßen dann erstmal knapp zwei Stunden im Warteraum. In der Zeit ging es mir besser. Ich kam dran, Mann und Kind mussten diesmal vor der Notaufnahme warten. Ich sollte das Kind nicht in der Notaufnahme stillen, lieber draußen zwischen den hustenden und röchelnden Patienten. Ich lief also zwischen Pritsche und Warteraum hin und her und wartete auf meinen Arzt. Nach einer kurzen Untersuchung stand fest: Der Gallengang ist wohl erstmal frei, es war ein Abgang eines Steins. Ich bekam Krampflöser (Buscopan) und Schmerzmittel (Ibuprofen und Paracetamol) mit nach Hause, da der Termin für Freitag geplant war, sollte ich Dienstag nicht extra aufgenommen werden und das war mir auch recht so.

 

Am Mittwoch dann das Spiel, dass wir schon kannten: Im Laufe des Tages wurde ich gelb. Irgendwas war also doch verstopft. Ich rief den Mann an, er fuhr mich zurück in die Klinik, die Ärzte nahmen mich sofort auf, meine Entzündungswerte waren jenseits von Gut und Böse, die OP rückte in weite Entfernung, da man in so einen entzündeten Zustand nicht „hinein“ operieren kann. Für den Donnerstag sollte ich am Nachmittag eine Gallengangspiegelung bekommen. Es gab wieder kein Zimmer für mich. Eine Mutter mit Säugling wollte keiner auf der Station. Die Mutterkind-Station war voll. Ich kam also in die HNO-Station und der Arzt aus der Notaufnahme regte sich unglaublich über seine nicht hilfsbereiten KollegInnen auf. Er schaute dann 23.00 Uhr auch nochmal nach mir und sorgte dafür, dass das Milchmädchen ein Bett bekam und ich eine Pumpe um weiter Vorräte anzulegen. Das Bett habe ich nur zum Waschen und mal als Fallsichere Ablage genutzt, denn die Maus war die ganze Zeit in meinem Bett, dass mit der Seitenwand ja perfekt ausgerüstet war, als „Familienbett“. Die Schwestern bemutterten mich, das half mir wirklich.

 

Der Arzt war sehr hilfsbereit stillfreundliche Medikamente zu finden, ich bekam Antibiotika, man wusste nicht was genau in mir vorging und ob bereits Gallenflüssigkeit irgendwo in mich lief. Die Schwestern räumten ein Zimmer für mich und das Baby und versorgten mich wirklich herzlich. So eine warme und nette Behandlung war ich von der Mutter-Kind-Station nicht gewohnt. Nur essen durfte ich nicht. Am Donnerstagmorgen kam mein Mann um mir mit dem Baby zu helfen und es zu beaufsichtigen, wenn ich zur nächsten Spiegelung mit Vollnarkose musste. Wir wartete lange, ich hatte Hunger, ich hatte seit 30 Stunden nicht gegessen und ich fühlte mich schlecht. Das Essen war das kleinste Problem, aber unangenehm war´s trotzdem. Das Baby stillte fröhlich, ich bekam meine Flüssigkeit intravenös. Die Milch lief trotz Stress und Sorgen und das war immerhin etwas.

 

Es wurde Donnerstagnachmittag, es war ein wirres Chaos aus Chirurgen, Internisten und HNO-Ärzten (letztere hatten sich verirrt) bei mir am Bett. Dann, das Baby war beim Papa und ich sollte schon eingeschläfert werden für die nächste Gallengangspiegelung kam der Internist und meinte: Meine Blutwerte seien schlagartig besser, vermutlich hätte sich der blockierende Stein gelöst und es würde jetzt keine weitere Spiegelung geben sondern nur am Freitagmorgen die Operation zur Entfernung der Gallenblase. Ich fragte die Ärztin ob ich dann mein Baby wieder versorgen und stillen kann und ihre Antwort „Na soll´s etwa der da (gemeint war der Papa) machen?“ amüsiert mich bis heute.

 

Am Freitagmorgen kam der Mann kurz nach sieben, das Kleinkind daheim wurde von zwei Omas betreut im Wechsel und war in der KiTa. Kurz vor neun stillte ich das Baby nochmal und in dem Moment wo sie aufhörte und einschlief kam auch schon die Schwester und schob mich in Richtung OP. Meine Milchpumpe hatte ich am Fußende stehen im Bett, ich wusste ja nicht, wie lang es am Ende dauern würde und wie lang ich im Aufwachraum sein würde. Ich erinnere mich noch an den Vorraum zum OP und dass der junge Narkosearzt sich nochmal über seine unwissenden KollegInnen aufgeregt hat. Für ihn war es kein Problem, nach einer Propofol Narkose, sofort zu stillen, wenn ich das Baby selbst halten konnte. (Das ist auch gängiger Standard bei den Empfehlungen der Stillorgansation AFS zum Thema  „Narkosemittel und Lokalanästhetika in der Stillzeit“.)

 

Als ich im Aufwachraum zu mir kam fühlte ich die Pumpe an den Füßen und neben mir nervte so ein bulliger Typ die Schwestern mit Sonderwünschen. Als man bemerkte dass ich „ansprechbar“ war bekam ich Wasser und danach eine angenehme Portion Morphium. Selbiges was auch Frauen nach einem Kaiserschnitt bekommen und womit sie auch sofort stillen dürfen. Also ein stillfreundliches Morphium – gibt´s alles. Als ich gerade meine durchaus spannenden Brüste entlasten wollte mit der Pumpe schob man mich auch schon aufs Zimmer. Ich glaub da war es gegen 13.00 Uhr. Ich pumpte, es lief ja schon ins OP-Hemd vorher, und danach folgten weitere Stunden derbe Übelkeit und Schwindel. Ich glaub es war 17.00 Uhr als der Mann mit dem Baby endlich kam. Ich hätte es aber auch keine Minute eher selbst halten können. Ich war dann schon mal im Bad und konnte auch wieder stehen. Das Baby hatte in den knapp acht Stunden ohne mich knapp 40 ml Milch aus der Flasche getrunken, mehr hat es verweigert. Es stürzte sich auf meine Milch und war zufrieden und glucksde fröhlich. Das nachstehende Bild ist unser emotionalstes Stillbild, und ich bin froh, dass der Mann es gemacht hat, denn ich werde mich für immer an diesen Moment erinnern, an dem so viel Anspannung von uns fiel.

Stillen_GallenOP_Operation
Erstes Stillen knapp 8 Stunden nach der Entfernung der Gallenblase

Der Mann versorgte es noch mit Abhalten und Co bis er dann so 22.00 Uhr zum Kleinkind nach Hause fuhr. Das Baby war ruhig nachts, das Abhalten etwas blöd, wegen der Narbe von der OP, also hielt ich es auf der linken Hüfte ab. Ich habe dann insgesamt noch drei 600er Ibuprofen genommen bis Samstagabend und ab da ging´s mir soweit gut, dass ich ohne Schmerzmittel auskam. Dem Kleinkind von zwei Jahren hatte ich damals ein wahnsinnig schlechtes Gewissen gegenüber, weil ich nicht für es da sein konnte. Dennoch wusste ich es gut in der Familie aufgehoben und umsorgt. Das machte es leichter. Wenn er uns besuchte kneteten wir und er durfte alles mögliche in meinem Bett naschen.

Krankenhausroutine mit Kleinkind und Baby
Kneten als Beschäftigung und gemeinsame Momente im Klinikalltag

Eine Schwester amüsierte sich darüber herzlich, ihr Bruder wurde am selben Tag an der Galle operiert, nur in einer anderen Klinik, und er litt sehr am Telefon, sagte sie. Sie hätte ihm gesagt: ‚Meine Patientin versorgt schon wieder ihr Baby‘ und da hätte er aufgehört zu „jammern“.  Ich glaube ich hatte da einfach meine Mutti-Hormone auf meiner Seite. Also die Löwinnen-Gene, die machen, dass man alles für sein Baby macht. Komme was wolle. Hätte ich kein Kind versorgen müssen wollen, wäre ich auch einfach nur herum gelegen. Aber es ging mir ja wieder gut soweit. Freilich springen und tanzen war noch knapp zehn Tage nicht drin. Die Wundheilung war auch mehr als langsam trotz Schonung. Soweit man sich eben werktags mit einem Baby und einem Kleinkind schonen kann. Der Mann musste wieder arbeiten. Ich glaube wir haben an dem Tag, als ich heim kam, den Kinderwagen zum ersten und fast letzten Mal für das Baby genutzt. Danach lebte es weiter in der Trage, bzw. Sling, das war auch mit den drei Narben der OP kein Problem.

Krankenhaus mit Baby 8 Wochen alt
Ausruhen nach der Gallenoperation und der Entfernung der Gallenblase

Also ihr Lieben: Ich hab das alles aufgeschrieben, damit das Internet eine Quelle für Mamis mit einer ähnlichen Situation hat. Wenn euch jemand sagt, ihr dürft zwei Wochen nicht stillen oder ihr müsst abstillen: Nix müsst ihr. Ihr könnt. Aber wenn ihr und das Baby das nicht wollt, dann sollen sich die Ärzte mit euch einen Weg überlegen, wie es realisierbar ist. Es gibt sicherlich Operationen oder Krankheiten, wo ein Abstillen zum Überleben der Mutter wichtig ist. Da will ich keinem Arzt seine Kompetenz absprechen. Die Entfernung einer Gallenblase, eine Gallengang- oder Magenspieglung gehören jedoch nicht dazu. (Es sei denn jemand verträgt Mediakamt X nicht und benötigt daher Medikament Y, das dann stillunfreundlich ist.) Wenn aber ein Arzt oder eine Ärztin pauschal sagen: „Na dann müssen sie aber abstillen“ dann macht ihr bitte Folgendes:

 

  1. Lasst euch die Medikamente sagen und bittet den Arzt euch zu zeigen, wo die Stillunfreundlichkeit steht.
  2. Bittet den Arzt auf embryotox.de nach einer stillfreundlichen Alternative zu suchen.
  3. Wenn die MedizinerInnen das verneinen, schaut selbst nach oder lasst euch auf reprotox.de individuell beraten.
  4. Fragt einen oder zwei weitere Ärzte, notfalls in einer anderen Klinik.
  5. Konsultiert eure Hebamme und holt zusätzlich Rat bei einer Stillberaterin (Hier sind die Links zur Liste der La Leche Leage e.V. Deutschland Stillberaterinnenliste und die Liste der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen e.V. )
  6. Kann ich euch unsere Langzeitstillgruppe auf Facebook empfehlen, in der ich mittlerweile Admin bin, weil ich gern auch anderen Frauen helfen möchte, die wie ich damals, in einer „Still-Notlage“ sind oder andere Alltagssorgen rund ums Thema Stillen haben.

 

Es gibt immer eine zweite ärztliche Einschätzung und ihr habt das Recht vollumfassend informiert zu werden und das mit einer zweiten Fachmeinung und dem Rat eurer Hebamme / Stillberaterin abzugleichen. Das sind für mich Team-Entscheidungen, die zusammen und vor allem aber mit den Wünschen der Eltern im Rahmen der medizinischen Möglichkeiten umgesetzt werden. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass das schon sehr anstrengend war, dieses ewige Nachfragen oder vehement auf Stillfreundlichkeit beharren. Man fühlt sich schon, als müsste man „kämpfen“. Völliger Irrsinn eigentlich. Gut, dass ich im Herzen immer Querolantin bin. Für meine Kinder erst recht.

 

Nicht zuletzt hat mir damals die Stillgruppe auf Facebook sehr geholfen. Ich bin quasi immer, noch in der Notaufnahme, über Facebook von Stillberaterinnen beraten worden und hatte dadurch auch Erfahrungsberichte anderer Mamis, dass eine Entfernung der Gallenblase auch stillfreundlich erfolgen kann. Dafür habe ich gekämpft und diskutiert. Bzw. die Löwenmami in mir.

 

Ich hoffe ihr kommt nie in eine derartige Situation, aber wenn, dann hoffe ich, dass das SEO den Text bei Google hoch genug rankt und er dir, liebe Mami, die du vielleicht gerade in der selben bescheidenen Situation bist, wie ich vor zwei Jahren, einfach nur hilft und eine Stütze ist.

 

Last but not least: Nach dem Gepumpe hatte ich noch 18 Liter Muttermilch übrig, die teils immer noch im Tiefkühlschrank liegen. Ich wollte sie spenden, aber keine Klinik wollte sie, weil der Transport und Prozedere zu aufwändig waren. Nun ja: Die Kinder baden darin bis sie 18 sind – auch o.k.

 

Zuletzt, und dann ist auch wirklich Schluss, möchte ich noch sagen, dass es keine allgemein gültige Lösung gibt. Jede Behandlung ist individuell und es gibt auch in der Familie nur individuelle Lösungen, wie man mit so eine Situation umgeht. Ob das Baby mit kommt oder wie auch immer man entscheidet. Die eine Entscheidung macht niemanden zu einer schlechteren oder mich, zu einer besseren Mutter, nur weil ich einfach so – knatzig sagen die Thüringer – bin, und aus Angst einfach alle Kräfte zusammen gezogen haben in dem Moment. Wie gesagt: Das alles hängt mir nach, denn wie gefährlich die Situation war, war mir damals nicht zu 100 % klar. Dass man an einer Leber- oder Bauchspeicheldrüsenentzündung auch sterben kann, das habe ich ausgeblendet und einfach alle Kraft zusammen genommen, die Gefahr ausgeblendet.

 

Eure Birgit

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