Parlament statt PEKiP

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Liebe Eltern, liebe ArbeitgeberInnen, liebe Abgeordnete: Wir müssen reden! Über Faireinbarkeit von Familie und Beruf, über Vereinbarkeit von Mandat und Mutterschaft. Über Wahlfreiheit!

Warum die Aufregung?

In dieser Woche wurde die Abgeordnete Madeleine Henfling mit ihrem sechs Wochen alten Säugling aus dem Plenarsaal des Thüringer Landtags verwiesen [Quelle FAZ.net]. Laut Landtagspräsident Christian Carius sehe die Geschäftsordnung des Landtages keine Kinder im Plenarsaal vor. Damit müsse sie mit dem Kind den Saal verlassen, oder den sechs Wochen jungen Säugling abgeben. Er empfahl ihr zudem aus Kindesschutzerwägungen eine geeignete Betreuung für das Kind zu organisieren. Er selbst sei Vater und würde so handeln.

Wo ist das Problem?

Als Abgeordnete hat Henfling weder Anspruch auf Mutterschutz, noch auf Elternzeit. Zudem hat sie einen Auftrag: Im Sinne ihres Mandats handeln, sprich: Bürgerwille umsetzen und das bedeute die Teilnahme an den Sitzungen des Thüringer Landtags. Mutterschutz, wie ihn die Mehrheit kennt, steht nur Arbeitnehmerinnen zu. Selbstständigen nur dann, wenn sie sich freiwillig gesetzlich versichern mit Anspruch auf Krankengeld (so habe ich das bei meinen drei Kindern gemacht, daher war ich im Mutterschutz und habe Mutterschutzgeld bezogen). Selbstständige in der Privatversicherung haben zwar Mutterschutz, aber bekommen nur sehr wenig Geld. Hier besteht die Möglichkeit Elternzeit und Elterngeld zu beziehen. Das gibt es für Selbstständige ab dem 1. Lebensmonat, für Arbeitnehmerinnen nach Ablauf des Mutterschutzes. Für Abgeordnete gibt es diese Möglichkeit nicht.

Liest man in den Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken, dann sagen einige: Sie kann sich ja einen Babysitter organisieren oder der Papa kann in Elternzeit gehen. Das können sie auch so machen, müssen sie aber nicht. Henfling will ihr Baby bei sich haben – logisch es ist erst sechs Wochen, ich habe meine Kinder in diesem Alter auch immer lieber bei mir. Ich stille, sie stillt, damit ist die Nähe zum Kind eigentlich genug begründet. Warum der Vater das Kind nicht beaufsichtigt? Ich nehme mal an er kümmert sich um die anderen beiden Kinder, Henfling ist mehrfache Mutter, ihr Lebensort ist im Ilm-Kreis, nicht in direkter Nachbarschaft zum Plenarsaal in Erfurt. Henfling argumentiert: „Ich will einfach meine Arbeit machen!“ [Quelle: sueddeutsche.de ] und ich finde sie hat recht! In die Ausschüsse nimmt sie ihr Baby mit, wenn es unruhig wird geht sie eben raus und stillt oder wickelt es.

Warum mich das persönlich aufregt? Aufgepasst:

Ich bin genauso! Ich bin dreifach Mutter und Selbstständig im Bereich politische Kommunikation. Ich lebe von der Politik die ich begleite. Ich habe mir meine Auszeiten für die Kinder gegönnt, ich konnte sie mir eben gönnen (Dazu mehr in den #Elternzeitgeschichten ) aber ich habe immer gearbeitet. Immer in Begleitung meiner Kinder im Säuglingsalter. Ich habe meine Kinder in Rathäusern, Ministerien oder auf große Konferenzen mitgenommen. Ich habe sie dort gestillt und gewickelt, mal mit den KollegInnen zusammen im Gespräch, mal allein auf dem Behinderten-WC (Meistens sind da die Wickelräume, wenn es überhaupt in der Behörde einen gibt!). Eltern im Bereich der Politik zu sein, das bedeutet: Familienunfreundliche Betreuungszeiträume, dann wenn die KiTa zu hat, an den Abenden, an den Wochenenden. Völlig klar, das genau dieses Cluster an Menschen in der Politik unterrepräsentiert ist: Die Bedingungen sind einfach suboptimal. Mit einem Kind ging das abzufedern, da konnte ich es abends zum Beispiel dem Papa geben, oder hatte Oma und Opa auf meinen Dienstreisen quer durch Deutschland dabei. Mit zwei Kindern wird es schon schwieriger: Hat man das Kleinkind betreut, hat man immer noch ein Baby. Das muss mit. Zumindest bei mir. Bei Henfling auch. Bei drei Kindern erst recht.

Job oder Elternschaft?

Und genau hier ist das Problem: Es gibt Möglichkeiten diese Felder zusammen zu bringen. Das Stichwort lautet Baby-Co-Working – ich habe hier am Blog eine eigene Kategorie mit Artikeln dazu. Es ist möglich Babys mit in Parlamente zu nehmen. Wir reden hier mehrheitlich von Säuglingen, nicht von Kleinkindern, die zwischen den Stühlen umher laufen. Wir reden also von Babys, für die es im ersten Lebensjahr auch nicht wirklich Betreuungsmöglichkeiten gibt. Wir leben aber in einer Zeit mit Jobs, wo es für die ein oder andere Mutter machbar (sofern sie es wünscht) ist, das Kind mitzubringen. Sei es zur einer Weiterbildung oder eben als Mandatsträgerin. Selbst im Bundestag gibt es Möglichkeiten oder im EU-Parlament, das Baby mit in die Sitzung zu nehmen.

Frauen in der Politik ja – aber bitte nicht im gebärfähigen Alter!

Das kann nicht die Lösung sein. Dass eine Mutter ihren Säugling nah bei sich haben möchte kann ich absolut nachvollziehen. Tragen, Stillen, Körperkontakt – auf all das zu verzichten nur weil man ein Mandat hat ist keine Lösung. Willkommen also im 21. Jahrhundert, wo Frauen seit 100 Jahren wählen dürfen und auch selbst gewählt werden können. Auch Frauen im gebärfähigen Alter. Frauen, die mutig sind, die lieber im Parlament sitzen als aus [langer Weile] in der Elternzeit zu unzähligen Mutter-Kind-Kursen zu gehen. Die lieber mitbestimmen als über sich bestimmen zu lassen. Die lieber aktiv abstimmen und für eine politische Haltung einstehen, anstatt zwar eine Meinung oder Haltung zu haben, diese aber nur bei Eltern-Kind-Kursen mit anderen Müttern [Eltern] zu besprechen. Mir ist die demokratische Partei dahinter übrigens völlig gleich. Für mich ist es wichtig, dass demokratische Frauen in meinem Alter meine Interessen im Parlament vertreten. Für mich ist wichtig, dass demokratische Eltern meine Interessen vertreten. Und nicht nur Frauen und mehrheitlich Männer mit einem höheren Durchschnittsalter über das abstimmen, was mich und meine täglichen Herausforderungen betrifft.

Wo bleibt die Solidarität?

Ich lese in den Kommentaren von Frauen, die meinen, das Kind gehöre in diesem jungen Alter mit der Mutter nach Hause. Die meinen, ein Kind auf Arbeit mit zu nehmen sei rückständig. Sie selbst könnten es sich nicht vorstellen, Kind und Arbeit so zu kombinieren. Man müsse auch die Stilldemenz beachten usw. da könne Frau gar keine politischen Entscheidungen treffen, weil sie ja eigentlich nicht zurechnungsfähig ist. Ich bin leicht am Platzen bei solchen Aussagen. Ich wäre dann seit sechs Jahren als stillende und schwangere im Wechsel oder parallel nicht zurechnungsfähig. Das ist lächerlich. Stilldemenz ist zudem grober Unfug: Das Vergesslich sein rührt von der dauerhaften Übermüdung und Schlafmangel. Den haben alle Eltern. Also wohl auch männliche Abgeordnete mit Babys und Kleinkindern. Über die sprechen wir aber nicht. Wir mahnen nur die Mütter an diesem Land und zeigen ein Rollenverständnis auf, dass wir als Familie nicht leben, und von dem ich glaube, dass es längst überholt ist.

Warum ich glaube das dieses Rollenverständnis überholt ist?

Das zeigten mir gestern die vielen bestärkenden Worte auf einer Veranstaltung direkt gegenüber vom Thüringer Landtag, die ich mit dem Babymann besucht habe. Die Kosten der Veranstaltung trägt ein Förderprojekt des Thüringer Wirtschaftsministeriums für die Kreativ-Wirtschaft. Ich würde also behaupten ich war auf einer staatlich geförderten Veranstaltung mit dem Baby, habe das Grußwort von Minister Tiefensee gehört, die Keynote von Frank Tentler über die „digitale Revolution“, in den Pausen genetzwerkt und noch zwei Workshops besucht. Es war toll. Das Baby war in der Trage, hat die meiste Zeit verpennt, war während der Workshops am Boden auf einem Kissen mit Strampeln beschäftigt oder hat mich zwei mal voll gespuckt. Kann ja nicht alles perfekt laufen… Worauf ich aber noch hinaus will: Minister Tiefensee sagte in seinem Grußwort an die digitale und kreative Branche Thüringens, dass wir immer alles Alte hinterfragen, neu denken und stets optimieren sollten. Wir sollen die Lösungen für die Probleme der Generation von Morgen finden, so Tiefensee. Diese Empfehlung würde ich doch direkt ins Nachbarhaus, den Thüringer Landtag weitergeben, versehen mit einem Augenzwinkern und dem freundlichen aber bestimmten Hinweis:

Alte Rollenbilder hinterfragen, Mandat neu denken und für Elternschaft optimieren.

Kleiner Runninggag auf der Tagung war auch: „Dürfen Sie mit dem Baby so überhaupt hier sein? Falls nein: Ich stehe für Sie auf und mach mich stark für Sie!“. Danke liebe unbekannte Dame aus der Erfurter Stadtverwaltung für dieses Empowerment. Ich habe etwas ähnliches auch schon auf Konferenzen zu frischen Mamas mit Baby gesagt. Es folgten noch ganz viele liebe und bestärkende Kommentare gestern – so bin ich das bisher auch gewohnt seit ich die Babys mitnehme.

EMPOWERMENT!

Daher meine Bitte an euch: Empowert! Empowert die, die mit ihrem Baby arbeiten möchten und können. Damit es nicht heißen muss Parlament oder PEKiP. Job oder Elternschaft. Damit die Wahlfreiheit da ist, das zu tun, was für die jeweilige Familie das Richtige erscheint. Baby-Co-Working kann ein Weg sein. #babygate muss nicht sein.

Ein letzter Hinweis an Christian Carius: Anmaßend zu behaupten, eine Mutter mit Säugling könne mit der Anwesenheit im Parlament das Wohl des Kindes gefährden, derjenige, der so etwas auch nur laut denkt, derjenige diskreditiert jegliches Engagement und die Bemühungen aktiver Kinderschützerinnen. Ein Kind, das mit seiner Mutter kuschelt oder unter normal lauten Menschen ist (davon gehe ich aus im Landtag) ist mitnichten in seinem Wohl gefährdet.

 

 

 

 

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