Virtuelle Gaffer

Wenn irgendwo ein Unfall ist, gibt es sogenannte Gaffer. Das sind Leute die bleiben stehen oder fahren, schlimmer noch, extra zur Unfallstelle um sich alles aus nächster Nähe anzusehen. Dieses Phänomen kann man ebenso auf Instagram beobachten. Neben Chiasamen als Topping über jedem Essen, cleanen Kinderzimmern und Pferdehufposen bei den Modebloggern irritiert mich das sehr.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen bei des Dödels Dad – hier sind 6 Statements zum Thema Trauertourismus in zwei Beiträgen entstanden, ihr findet alles am Ende verlinkt. Hier liest du meine Gedanken:

Ok, ok: Wer auf Instagram unterwegs ist und in sozialen Netzwerken im Allgemeinen, wer sogar wie ich einen eigenen Blog führt, der sollte eigentlich wissen, dass die Menschen Spaß daran haben die Geschichten aus dem Leben der Anderen zu lesen. Das ist soweit auch nichts Schlimmes oder Verwerfliches, wir alle spielen treten in diesem virtuellen Zirkus auf und schmeißen einen Teil unserer eigenen Realität dazu.

Die einen mehr, die anderen weniger. Was davon dann zu meiner Realität wird, das entscheide ich selbst.

Bringt der Tod mehr Follower?!

Eine Sache ist des Dödels Dad und mir in der virtuellen Vergangenheit aufgefallen:

Der Tod ist (bare?) Follower wert.

Und das ist crazy. Aber von vorn. Des Dödels Dad und ich schrieben irgendwann privat über das Thema. Beide verwundert, jeder für sich natürlich. Virtuelle Gaffer, die zu Accounts pilgern, auf denen gerade etwas schreckliches verarbeitet werden muss. Ein Mann / ein Kind gestorben, ein Mensch in schwerer Krankheit oder sonst ein Unglück.

Kurios: Sobald tragische Umstände bekannt werden, wachsen die Followerzahlen. Das ist kein Vorwurf an die Accountbetreiber, die Menschen hinter diesen Accounts durchleiden im Real-Life große Schicksalsschläge und teilen einen Teil davon auf Instagram (oder wo auch immer).

Wenn es traurig wird, kommen die User?

Für mich hat das alles etwas Surreales. Ich habe keine endgültige Meinung dazu, aber es fühlt sich befremdlich an, dass der Tod (respektive das Unglück) sich enorm gut auf Followerzahlen auswirken. Die Zahlen steigen; rasant bei manchen.

Ich bin mir absolut sicher, dass jeder Protagonist, der einen Account betreibt und ein Schicksal preis gibt, auf jeden einzelnen Follower liebend gern verzichten würde, hätte er dadurch seinen Partner wieder, sein Kind zurück oder eben ein anderes Schicksal ohne Unglück.

Vielmehr möchte ich den Fokus auf die Follower richten: Sie kommen wenn es traurig wird. Neben all den Hochglanzwerbern und Lifestyle-Menschen sehnt sich scheinbar ein Großteil der Follower gerade nach authentischen und echten Schicksalen.

Nicht so wie bei GZSZ, wo alles Daily-Soap und zurechtgeschrieben ist. Vielleicht ist das eine teilweise gute Erkenntnis: Irgendwo wollen die Menschen vielleicht auch helfen?

Ich frage mich dabei, aus welchen Gründen man zu so einem Account wandert? Ich selbst folge zwei Menschen auf Instagram, die schwere Schicksalsschläge verkraften müssen. Ich folgte ihnen bereits vor dem Unglück. Sozusagen in  „guten“ Zeiten.

Mir sind etliche weitere solcher Accounts bekannt, denen folge ich aber nicht, da ich diesen Menschen vorher nicht gefolgt bin. Ihre Schicksale spült es aber über Hashtags oder Algorithmen in meinen Feed. Ich nehme sie dadurch wahr.

Es fühlt sich für mich an, wie virtuelles Gaffen.

Bei den anderen beiden Accounts fühle ich mich eher verbunden (also virtuell), so wie jemand aus dem weit entfernten Bekanntenkreis, der eben von dem Schicksal erfährt. Keine Ahnung wie ich das richtig beschreiben soll.

Wachstum durch Tod!

Bei einer Bloggerin ist mir dieses virtuelle Gaffen wirklich ganz stark aufgefallen. Ihr Account „wuchs“ binnen eines Wochenendes von 8k auf 23/25k – jetzt ist sie bei knapp 51k, ein gutes Jahr nachdem das Schicksal es verdammt mies mit ihr meinte. Das Kürzel k steht für Tausend. Von Achttausend auf Dreiundzwanzigtausend Follower an einem Wochenende. Ihr Mann war verstorben. Der Post zum Schicksalsschlag ging „viral“. Das lag nun wohl daran, dass sie bereits eine ordentliche Zahl Follower hatte und bereits als Mamabloggerin / Influencerin aktiv war – aber dieses enorme Wachstum hat mich irritiert. Das fühlte sich so an, als würde man extra zu einem Unfall hinfahren um „dabei zu sein“ – gaffen halt.

 Ambivalenz von Followerzulauf und Schicksalsschlägen

Als Influencer/in arbeitet man mit seinen Geschichten und Einblicken darauf hin wahrgenommen zu werden. Das macht am Ende jeder im Web, auch ich. Die einen machen das um lukrative Kooperationen mit Marken zu bekommen, die anderen weil sie das einfach eine nette Spielwiese für unsere Zeit finden.  Geld mit Kooperationen zu verdienen ist für mich übrigens völlig ok – das ist das Social Web – und das funktioniert so, da rechnet sich jeder Follower.

Aber dieser enorme Zulauf an Followern ist häufig dann zu beobachten, wenn Menschen ein hartes Schicksal widerfährt. Für jemanden, der gern „influencen“ möchte (gruseliges Wort), ist das schön und schmerzhaft zugleich. Total ambivalent muss sich das anfühlen. Wie bereits oben erwähnt: Ich weiß die Influencer bzw. Betroffenen würden auf jeden einzelnen Follower verzichten, wenn sie dadurch das Schicksal nicht am Arsch hätte. Auf der anderen Seite sind viele Follower für viele Firmen ein Garant für hohen Absatz (aber die haben das Social-Media-Ding eh meistens nicht verstanden, also die Firmen). Eigentlich müsste sich ein Influencer über einen Schicksalsschlag freuen, weil das mehr Views und Beachtung gibt. Mehr Likes und Kommentare für den Tod.

Wenn der Tod Geld bringt:

Das gibt dem Tod eine neue Dimension (ok jetzt wird´s theoretisch). Der Tod wird bares Geld wert, wenn du im Social Web wahrgenommen wirst. Für die von mir virtuell Verfolgten wurden Crowdfunding Kampagnen eingerichtet, die bares Geld brachten. Das ist völlig ok so. Aber irre es trotzdem, oder?

Wir sprechen dabei über Zehntausende Euro. Und natürlich helfen die, wenn man gerade den Boden unter den Füßen verliert und auf einmal verwitwet und alleinerziehend ist. Ohne Frage. Ich finde richtig gut, dass den Menschen geholfen wird, weil das nur menschlich ist. Eben mit den Mitteln die wir heute haben.

Ein kleines „Aber“ bleibt:

Was ist denn mit denen die nicht wahrgenommen werden?

Kleine Accounts, Menschen ohne Accounts, die, ich sage das ketzerisch weil ich es nicht anders formulieren kann, die den Tod oder das Schicksal nicht vermarkten (können oder wollen)? Bei einem Schicksal spendet der Follower und beim Anderen nicht? Ich selbst habe an eine der Frauen ein Paket für die Kinder geschickt. Mir war einfach danach. Auch wenn ich mir unschlüssig war, wie weit man eigentlich gehen kann im Social Web. Die Frauen denen ich immer noch folge, denen ich vorher folgte, denen gönne ich alles neue Glück der Welt, für das was sie erlebt haben.

Leiden die Menschen wirklich so gern mit?

Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Menschen gern mitleiden. Das ist ja auch beim Gaffen so im Real-Life: Das Gefühl mitzuleiden aber mit dem guten Gewissen, dass das Schicksal einen selbst -Gott sei Dank- nicht getroffen hat. Jedenfalls vermute ich das.

Ich gaffe nicht im Real-Life. Beim virtuellen Gaffen bin ich mir gar nicht mehr so sicher.

Ob es was anderes ist, nur weil ich „eher“ folgte? Ich bin unschlüssig. Nachdem ich den Text geschrieben habe noch viel mehr!

Bitte lasst uns darüber sprechen, was ihr so denkt? Bringt der Tod mehr Follower? Und was ist mit denen die nicht wahrgenommen werden? Die keine „Shoutouts“ der großen Accounts bekommen und deren Schicksal eben keiner wahrnimmt? Ist das nicht auch unsolidarisch irgendwo? [und an dieser Stelle nochmal: Ich finde gut, dass es Crowdfundig und alles gibt, das sind nur theoretische und wohl auch ethische Fragen, die sich mir einfach stellen, wenn ich das Social Web beobachte.

Du findest alle weiteren Positionen zu diesem Thema bei des Dödels Dad – gestaffelt in zwei Beiträge:

  1. Trauertourismus #1
  2. Trauertourismus #2

Birgit

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