Wo soll mein Baby auf die Welt kommen? Mein Geburtsplan für gute Geburtshilfe

Pläne sind gemacht um an die Realität angepasst zu werden. Als Mama von zwei Kindern weiß ich, dass Flexibilität und Improvisation zählen. Die große Frage lautet derzeit: Wo soll unser Baby auf die Welt kommen? Unsere Erfahrungen nach zwei Geburten und was für mich gute Geburtshilfe bedeutet. #guteGeburtshilfe

Das Geburtsvorbereitungsgespräch „Dafür haben wir keine Zeit!“ – Sommer 2013

Mein erstes Kind hatte eine normale Geburt, damals noch in Jena. Also zumindest zeitlich betrachtet, war Kind 1 nach 8-9 Stunden geboren. Ich hatte damals keinen Plan, die Situation in der Geburtshilfe in Jena war überlastet. „Dafür haben wir keine Zeit“ hieß es am Telefon. Ein Geburtsvorbereitungsgespräch konnte im Sommer 2013 nicht geleistet werden durch die Klinik. Es waren Sommerferien, Urlaubszeit, da fehlt Personal – also keine Gespräche vor der Geburt. Meine Hebamme war auch im Urlaub – ich hatte aber immerhin noch eine Vertretung für die Zeit im Wochenbett.

Gebären ohne Plan

Die Situation in der Klinik damals zeigte sich wie folgt (kurz zusammengefasst – die ganze Geschichte hat immer noch Narben bei mir): Wir kamen gegen 22.00 Uhr in der Klinik an, man wollte mich wieder heim schicken, aber ich war mir sicher, dass es bald soweit ist. Alle Kreißsäle waren belegt, auch alle Wehenzimmer, wo man zuerst hin kommt. Man legte platzierte mich in einem Durchgangsraum hinter einem Vorhang. Mein Mann bekam einen kleinen Schemel und er hatte sichtlich Bedenken, auf diesem Ding die Nacht verbringen zu müssen. Ich sollte versuchen zu schlafen und mich ausruhen. Irgendwann, ich wehte vor mich hin, sagte jemand zu mir, man gebe mir jetzt ein Schmerzmittel und zack hatte ich schon eine LMaA-Spritze in den Po bekommen. Ich schlaf-wachte und wehte. Mein Mann döste. Ich erinnere mich an die Muttermundkontrollen, die für mich gefühlt ständig von irgendwem, den ich nicht kannte und immer wieder neuen Hebammen oder Ärzten, gemacht wurden. Gegen ein Uhr hieß es: „Uh der ist ja fast komplett offen mit 9 cm – jetzt aber schnell in den Kreißsaal, es ist gerade einer frei!“ [Soviel zum Thema: „Gehen Sie wieder heim!“]. Auf dem Weg dahin begegne ich einer Freundin, die bereits seit drei Tagen eingeleitet wurde. Wir hatten vereinbart nicht zu schreiben, bis die Kinder auf der Welt sind. Nun sollte ich sie wohl im Kreißsaal überholen. Im Kreißsaal und die ganze Zeit davor hing ich am CTG – es nervte mich. Ich lag immer. Keine Ermunterung zu laufen, kaum Wechsel der Positionen. Die meiste Zeit waren der Mann und ich allein im Kreißsaal. Ich wurde panisch und wütend – weil keiner da war! Es folgte eine sehr schmerzintensive Zeit, man gab mir ständig irgendwas über den Tropf, ich habe nicht gecheckt was und aus welchen Gründen. Ich wehte – ich suchte Hilfe. Eine Hebammenschülerin hatte dann Zeit für mich, redete sanft und bejahend mit mir. Das gab mir Kraft. Irgendwann wurde es voll im Zimmer. Ich hatte bereits unter wütendendem Protest erreicht, dass mir dieses scheiss CTG abgenommen wurde, und ein kleines Knöpfchen am Kopf des Kindes (der war ja im Begriff auf die Welt zu wollen) befestigt wurde. Ich weinte aus purer Verzweiflung, die Schülerin redete mir gut zu. Ich lag die ganze Zeit wie Karl der Käfer auf dem Rücken. Dass man mir Wehenfördernde Mittel gab, habe ich zwei Jahre später erst im Geburtsbericht gelesen. Was nicht drin stand: Man drückte das Kind aus mir heraus! Es war die Hölle. Es nennt sich Kristellern, und es bedeutete für mich, dass vier Menschen auf meinem Bauch drückten, um das Kind heraus zu schieben. Eine Schwester, das habe ich von meinem Mann erfahren der fassungslos zusah was passierte, stützte sich mit den Beinen an der Wand ab und hing über meinen Schultern und drückte von oben auf das Kind. Der ganze Vorgang steht nicht im Geburtsbericht – die Methode ist höchst umstritten und wohl auch verboten. Das weiß ich heute. Für mich stand fest: Wenn ich nochmal ein Kind bekomme – nicht da!

Die Wöchnerinnenstation – nichts wie weg!

Im Wochenbett auf der Station erlebte ich weitere Dinge, die man als frische Mama nicht erleben möchte. Die äußeren Umstände waren schon unschön: Kein WC am Zimmer – Gemeinschaftstoilette für gefühlt 30 frisch Entbundene am Ende des Ganges (…im Watschel-Schritt zu erreichen direkt nach der Geburt und dabei das Baby schieben – Tragen nicht erlaubt!). In einer Nacht weinte mein Baby. Es war sehr warm und alle Babys weinten. Eine Schwester versuchte mich zum Zufüttern zu bringen. Meine Milch würde nicht reichen, das Baby brauche Wasser. Ich verweigerte. Man drückte dem Kind einen Nuckel rein, den es immer wieder ausspuckt. Ich verweigerte. Sie hielt das Kind und sagte zu ihm gewand:

„Na dann musst du jetzt ganz viel schreien, damit deine Mama merkt wie schlimm das ist, wenn man verdurstet!“

[Leere im Kopf | Verzweiflung | Wut] Ich nahm ihr mein Kind aus den Armen, fauchte sie an, dass sie uns in Ruhe lassen soll und stillte erneut. Es war kurz vor dem richtigen Milcheinschuss. Mein Baby beruhigte sich. Eine andere Schwester riet mir schnellstens nach Hause zu gehen um meine Ruhe zu haben. „Der Drachen ist von der alten Schule.“ sagte sie leise zu mir. [Verwirrung] Ich sah zu dass wir heim kamen. Ich konnte kaum laufen,  aber wollte nur noch weg. Wir durften dann heim, das Baby nahm zu, die Milch war da – also nichts wie weg.

Das war die Kurzversion der ersten Geburt – ohne Geburtsplan, ohne Vorgespräch, ohne Pläne für das Wochenbett. Ja, dem Kind ging es gut – aber schön ist anders. Also beschäftigte ich mich vor der Geburt von Kind 2 sehr intensiv damit, was ich alles für mich haben möchte, und vor allem was nicht. Ich war unschlüssig wo das Kinde geboren werden sollte, wir waren umgezogen und zwei Kliniken standen zur Wahl: Eine große Klinik in Erfurt oder ein kleineres Klinikum in Gotha. Ich führte in beiden Vorgespräche und mir war schnell klar: Gotha ist das Ziel. In Erfurt lag ich leider während der Schwangerschaft mit Kind 2 mehrfach stationär, kannte „die Stimmung“ und im Gespräch wurde das bestätigt. Ich ging meinen Geburtsplan mit der Ärztin durch und es hieß bei jedem zweiten Punkt „Das müssen Sie unter der Geburt verhandeln. Das ist so nicht Standard bei uns!“. „Ich muss gar nichts verhandeln!“ dachte ich.

Meine Wünsche für den Geburtsverlauf:

  • keine wehenfördernden Medikamente,
  • keine Flexüle ohne Grund,
  • keine Einleitung mit Medikamenten,
  • keine PDA oder andere Schmerzmittel,
  • CTG nur wenn es notwendig ist,
  • sehr gern natürliche Begleitung,
  • Massagen, beruhigende Wort der Hebammen, positive Unterstützung,
  • keine Entbindung mit Druck durch die Geburtshelfer auf den Bauch von oben,
  • kein Dammschnitt, maximal ein Entlastungsschnitt,
  • Information und Transparenz über alle (!) Vorhaben um Entscheidungsfreiheit zu haben,
  • keine Infusionen ohne Zustimmung,
  • keine Ausschabung, keine Mittel um den Abgang der Plazenta zu beschleunigen.

Meine Wünsche für die Zeit nach der Geburt:

  • Bitte um Auspulsieren der Nabelschnur,
  • sofortiges Bonding und Stillen [bei Not-Kaiserschnitt, Bonding mit Papa wenn der Zustand des Kindes das zulässt],
  • kein Zufüttern des Kindes [nicht mit Wasser oder Glucose und auch nicht mit Pre-Nahrung],
  • keine Gabe eines Nuckel,
  • Wickeln, Messen, Wiegen etc. nur in Begleitung von Mutter oder Vater,
  • das Baby soll mit mir im Bett schlafen, Bitte um Gitter, ein Babybett ist nicht notwendig.

In Gotha verlief das Gespräch umgekehrt. „Klar machen wir – das ist bei uns normal!“ – und damit war mein Ziel klar: 25 Minuten bis Gotha fahren, das schafft man ja bei einem normalen Geburtsverlauf locker.

Denkste! Die Sturzgeburt 2015:

Eine Sturzgeburt ist eine Geburt in unter 90 Minuten. Dass mich das bei Kind 2 betrifft, damit habe ich nicht gerechnet. Ihre Sturzgeburt habe ich schon mal verbloggt, das könnt ihr gern nachlesen. Heute schmunzeln wir Eltern darüber, damals war mir und dem Mann zum Heulen zumute. Ich werde unsere filmreife Rollstuhlfahrt in den Kreißsaal und meine 5 Minuten dort nie vergessen. Der Mann sicherlich auch nicht, vor allem vor einer weiteren Autofahrt dieser Art hat er vollen Respekt. Kleiner Tipp an Gebärende im ländlichen Raum: Bierkästen stets vorher aus dem Kofferaum räumen, vor allem wenn die Rückbank schon mit Kindersitzen zugestellt ist.

Am Ende hatte ich die natürliche Geburt die ich wollte, ein erholsames und friedliches Wochenbett in der Klinik, mit Unterstützung wenn ich sie brauchte. Aber vor allem mit Ruhe, die mir so wichtig war, um mein Baby kennen zu lernen.

Besuch haben wir außer Oma, Opa und dem stolzen Bruder nicht empfangen. Aus Prinzip.

Und der Plan bei Nummer 3 im Sommer 2018?

Naja der Geburtsplan bleibt bestehen so wie er oben steht. Mir ist dennoch bewusst, dass man Pläne immer an die Realität anpassen muss. Sollte also eine Intervention notwendig sein, dann bestehe ich nicht auf meinen Plan, das Wohl des Kindes soll unter keinen Umständen gefährdet werden. Ich glaube dennoch, dass einem ein individueller Plan sehr hilft, sich gemeinsam auf die Geburt vorzubereiten. Ich hätte auch über eine Hausgeburt nachgedacht. Mein Mann möchte das nicht und ich möchte keinen hilflosen oder überforderten Mann an meiner Seite. Daher ist mein Ziel erneut Gotha. Sollte das aber nicht schaffbar sein – dann wird es Erfurt. Diesmal muss mein Mann erst von der Arbeit nach Hause (ich habe mit dem Baby bereits ausgemacht, dass Samstag ein guter Tag wäre, dann sind die anderen beiden Kinder versorgt und der Mann muss nicht erst eine halbe Stunde durch die Stadt gurken). Also machen wir es kurz:

Ich habe einen Plan – ob ich den umsetzen kann werden die Umstände zeigen. Ich bin flexibel genug, mich anzupassen – sofern ich meine Lage realistisch einschätzen kann [soll vorkommen, dass frau nicht ganz zurechnungsfähig ist unter der Geburt].

Ich wäre vor der letzten Geburt auch noch länger am Frühstückstisch gesessen, wenn der Mann nicht einen Schlussstrich gezogen hätte „Wir fahren jetzt!“.

Die Sachen sind gepackt, der Sitz fürs Kind im Auto, der Kofferraum ist diesmal auch noch etwas größer und geräumiger – ich habe ein paar Utensilien für den Notfall verstaut [das hat den Mann gleich wieder nervös gemacht *hihi*. Ich glaube aber das ist wie mit dem Regenschirm: Wenn man alles dabei hat regnet es nie, vergisst man ihn, kauft man den hundertsten Knirps]. Also lassen wir uns überraschen was Nummer 3 vor hat. Eines aber sollten wir auf jeden Fall: Wir alle müssen uns für eine gute Geburtshilfe in Deutschland einsetzen.


Gute Geburtshilfe:

Dies ist ein Beitrag zum Tag der Hebamme am 05. Mai. Eine wertschätzende und gut vorbereitete Begleitung unter der Geburt ist durch eine Hebamme in einer Klinik möglich. Dafür müssen entsprechende Rahmenbedingungen für eine gute Geburtshilfe vorhanden sein: Ausreichendes Personal, genug Zeit für die Patientin, genug Räumlichkeiten zum Gebären, Offenheit und Vertrauen in die Instinkte der Gebärenden – aber natürlich auch medizinische Hilfen für den Notfall. 

Was mir noch wichtig ist: Nach der Geburt ist das Ankommen für Eltern und Kind nicht vorbei! Auch dafür brauchen Kliniken Personal auf einem aktuellen Fortbildungsstand und mit Empathie. Empathie hängt sehr an der zur Verfügung stehenden Zeit für die Patientin. Die Führung der Klinik, bzw. der Station muss dazu stimmig sein. Das ‚Klima‘ vom Team einer (Wöchnerinnen-)Station ist genauso wichtig, wie die gute und angemessene Unterstützung der Teams aus Hebammen, PflegerInnen und ÄrztInnen unter der Geburt.

Das alles gilt auch für das Wochenbett, und die Begleitung der Hebamme daheim.

Deswegen müssen wir auf den Tisch hauen für Hebammen

Mehr Informationen zur Hebammenversorgung in Deutschland findet ihr bei

MOTHER HOOD e.V. ; dem Deutscher Hebammen Verband oder der dazugehörigen Kampagnenseite „Was bedeutet gute Geburtshilfe für Sie?“ – hier finden sich 12 Thesen für eine gute Geburtshilfe. Weiterhin gibt es einen Bereich mit einer Karte mit Gebieten in Deutschland wo eine Unterversorgung mit Hebammen besteht.


Meine letzter Wunsch zu diesem Thema:

Macht euch bitte stark für die Geburtshilfe – denn es ist nicht egal wie wir geboren werden. 

Birgit

 

 

 

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