Wie wir glaubten erziehen zu müssen – bevor wir ein Kind hatten

Kurz vor der Geburt unseres ersten Kindes hatten wir die Weisheit mit Löffeln gefressen, wie alle Nicht-Eltern, die Kinder aus ihrem sozialen Umfeld beurteilen. Wir waren zu festen Überzeugungen gekommen und beschlossen, diese schriftlich festzuhalten in einem (nicht ganz erst gemeinten) Vater-Mutter-Urmel-Vertrag. Das verkürzte uns die Wartezeit auf das ungeborene Kind und wir kamen gemeinsam zu ein paar Grundsätzen zur Erziehung, die wir für unser Kind konsequent umsetzen wollten. Waren wir naiv!

Der Vertrag: Abschnitt 1 – allgemeine Bestimmungen

Wenn man Eltern wird, beobachtet man sein Umfeld mit Kindern umso intensiver. Wir jedenfalls taten das und sprachen daheim zu zweit darüber, was wir gut oder schlecht fanden (aus unserer kinderlosen Perspektive). Der Mann [seines Zeichens Pädagoge und täglich konfrontiert mit den Erziehungs-Ergebnissen anderer Eltern] und ich hatten daher einige Überzeugungen gesammelt, wie wir das machen wollen als Jung-Eltern. Wir waren genervt, wenn wir mitbekamen, dass Eltern scheinbar fremdbestimmt durch ihre Kinder waren und sich nach deren Wünschen richteten. Das irritierte uns. Der Erwachse gibt doch die Richtung vor, dachten wir, und das Kind folgt dann selbstverständlich. Wir waren uns dazu einig dem Kind gegenüber immer als Team aufzutreten. Seltsam erschien uns auch, dass manche Kinder zwar Namen hatten laut Geburtsurkunde, diese aber nie mit diesen Namen angesprochen wurden. Wie beschlossen keine Kosenamen verwenden zu wollen. Wir dachten, dass Kinder, die selbst etwas „verbockt“ haben, keinen Trost erwarten dürfen und sich entschuldigen müssen, für selbst verschuldete Gegebenheiten. Das hielten wir im folgenden Abschnitt fest (rot & orange ist alles, was im Rahmen der Realität gestrichen wurde 😉 )

Abschnitt 2 – Ernährungsgrundsätze & Abschnitt 3 Süßigkeiten

Ich muss zugeben, diese Absätze versuchen wir immer noch umzusetzen. Wir haben aber auch gelernt, dass es Kinder gibt, die einfach aufstehen und rumlaufen müssen in einem bestimmten Alter. K1 ist ein so ein ruhiger Esser, während K2 das volle Gegenteil ist. Wir haben akzeptiert, dass das eben so ist und dies nur ihr Naturinstinkt ist. Wir werden keinen kleinen Erwachsenen aus ihr machen, das wird sie früh genug.

 

Abschnitt 4 – Schlafverhalten

Ich könnte die Zwischenüberschrift ergänzen mit den Worten: Alter, was waren wir für Idioten! Wie oft haben wir andere Eltern für verrückt erklärt, von denen wir wussten, dass die Kinder abends länger (gefühlt ewig) in den Schlaf begleitet werden. Was haben wir von den Menschen gedacht, deren Kinder nur gestillt einschliefen… Wie verrückt waren wir zu glauben, dass Kinder mit einem Jahr ein eigenes Zimmer haben und ein eigenes Bett und darin auch noch zu schlafen hätten. In diesem Abschnitt hat uns die bedürfnisorientierte Realität aber mal sowas von eingeholt. Die Kinder sind jetzt vier und zwei Jahre, haben ein kleines Kinderschlafzimmer, wo sie begleitet einschlafen oder die Möglichkeit im „großen Bett“ [alle Eltern dieser Welt kennen diesen Begriff], ebenfalls begleitet einzuschlafen. Das Bett ist mittlerweile wirklich sehr groß: Wir gehören zur Fraktion Familienbett und schlafen bald zu fünft auf bequemen 2.70 m Breite und 2.20 m Länge. Wir würden es nie wieder anders haben wollen. Wer nicht zur Ruhe kommt wird gestillt, getragen oder anders begleitet – wir sind sicher diese Geborgenheit zahlt sich später aus.

Abschnitt 5 – Medienkonsum

Dieser Abschnitt ist – wie auch die Abschnitte über Ernährung und Süßigkeiten – einer, dem wir doch ziemlich treu geblieben sind. Für uns brauchen die Kinder noch keinen Zugriff auf unsere Handys. Sie dürfen mal Bilder ansehen mit uns, aber die Bedienung eines Smartphones oder Tabletts, die lernen sie sowieso nebenbei intuitiv, dass wir nicht glauben, dass sie das jetzt in ihrem Alter schon können müssen. Der Fernseher ist in der Stube und dort wird nat. auch mal zusammen ferngesehen, aber keine Stunden oder gar nebenbei. Alle weiteren Punkte auf der Liste betreffen uns noch nicht, da die Kinder einfach noch zu klein sind.

 

Abschnitt 6 – Spielzeug

Auch hier sind wir uns mehrheitlich einig, dass wir an diesen Grundsätzen festhalten. Das ist in Bezug auf Geburtstage und Co nicht immer umsetzbar. Was mich wirklich freut ist, dass K1 bereits hin und wieder Spielsachen aussortiert, wenn das gemeinsame Spielzimmer fast platzt. Dann holt er sich einen Sack, packt die Sachen rein und sagt uns, was für den Müll oder für seine kleinen Geschwister mal bestimmt ist. Die Sachen kommen dann auf den Dachboden und werden zu gegebener Zeit heraus geholt. Das handhaben wir auch mit Sand- und Gartenspielzeug so: Immer wenn es zu viel wird, räumen wir gemeinsam Dinge weg oder sortieren aus. Das passiert dadurch auch immer ohne Tränen, weil die Kinder selbst bestimmen dürfen, was sie noch brauchen und was eben wirklich gerade nicht benötigt, nicht bespielt oder sowieso kaputt ist.

Schlussbestimmungen

Wir sind uns einig, dass unser Erziehungsziel sein sollte, die Kinder zu eigenverantwortlichen Menschen heranzuziehen. Der Abschnitt ist zwar mit einem Augenzwinkern zu verstehen, aber dennoch wollen wir, dass die Kinder auf ein selbstständiges Leben gut vorbereitet sind. Das hat zum Glück noch viele Jahre Zeit. Wir versuchen sie dennoch an allen alltäglichen Aufgaben altersgerecht zu beteiligen. Sei es beim Spüler ein- und ausräumen, beim Geschirr holen, Tisch decken, putzen, staubsaugen – sie machen das alles gern mit – meistens jedenfalls. K1 sagt jetzt neuerdings schon auch manchmal „Bin ich jetzt hier der Verantwortliche oder was?“ und dann antworten wir: Ja – das ist etwas, was du mitmachen kannst. Meistens geht es um einen Teller holen, wenn bereits alle sitzen und er etwas für sich vergessen hat. Wir merken, dass sie beide meistens mit Eifer dabei sind, wenn sie unsere Aufgaben mitmachen dürfen. Gut, beim Putzen steht da auch mal das Bad unter Wasser oder es gibt Streit, wer den Staubsauger jetzt festhalten darf. Aber das ist für uns eben das Beteiligen am Alltag, und da geht bei uns Erwachsenen auch oft genug etwas schief. Das ist also kein Problem – außerdem sind sie doch noch so klein.

Wie ist das bei euch: Habt ihr euch (gemeinsam?) Grundsätze vor der Geburt des Kindes überlegt, nach denen ihr handeln wolltet? Was habt ihr über Board geworfen und aus welchen Gründen? Sind neue „Regeln“ dazu gekommen? Wir werden unsere Grundsätze sicherlich auch noch 1000 Mal überdenken, umwerfen oder neu machen – ich mein die Kinder sind gerade mal 2 & 4 – und gut die Hälfte erwies sich als untragbar 😉 und nicht bedürfnisorientiert…

Ich bin gespannt wie ihr das handhabt.

 

Birgit

 

 

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