#wasfürmichdeutschist

von Heimat, Liebe, Rassismus, Moral & Vorurteilen

Ich lebe in der Provinz. Das ist meine feste Überzeugung, auch wenn mein Ortsteil zu Erfurt, der Thüringer Landeshauptstadt gehört. Ich komme aus der Provinz, aus Jena, gleich nebenan. In eine  Plattenbau-Siedlung am Ende des Sozialismus geboren. Im Umbruch aufgewachsen. Da, wo der NSU gleich neben meiner Schule seine Bombenwerkstatt hatte. Seit ich aus der Schule raus bin, regiert Angela Merkel Deutschland. Während sie in unterschiedlichen Konstellationen „das Beste“  für unser Land möchte, habe ich studiert, gearbeitet und „nebenbei“ zwei Kinder bekommen. Mit dem dritten Kind bin ich schwanger. Angeblich bin ich ein Kind der Generation Y, man nennt Leute wie mich „Millenials“. Von Heimat habe ich diffuse Vorstellungen. Ich finde die Provinz lebens- und liebenswert.

 

#wasfürmichdeutschist #fragezeichen

Diese Frage hat das ZDF in mir aufgeworfen. Anlässlich der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft und wehenden Fahnen-Meeren begibt sich Moderator Jochen Breyer auf die Suche nach dem, was eigentlich „typisch deutsch ist“ – oder als das wahrgenommen wird. Beantworten kann man die Fragen unter dem Hashtag #wasfürmichdeutschist auf Facebook und Twitter oder per Mail. Eine spannende Dialogform im öffentlich rechtlichen, die gerade angelaufen ist.

 

Was ist für mich Heimat?

Regional betrachtet komme ich aus Thüringen. Heimat ist für mich da, wo man sich Zuhause fühlt und sich in die Gesellschaft einbringt. Durch meinen Beruf als politische Beraterin erlebe ich viele Regionen im ländlichen Raum mit ihren Herausforderungen, die der Heimat-Begriff so mit sich bringt. Es gibt Menschen in meinem Heimatland Deutschland, die den Begriff für sich beanspruchen und Heimat nur für „Deutsche“ definieren. Ich kann mit solchen Leuten nichts anfangen. Wie beschrieben ist Heimat für mich da, wo man ankommt, leben möchte und sich einbringt. Ansonsten müsste ja selbst ich noch in Jena leben, denn da bin ich geboren und aufgewachsen. Die Platte hat mich geprägt. Nicht, dass ich das Leben in der Platte schlimm gefunden hätte. Es gab dort früher ein hohes Maß an Gemeinschaft. Jeder kannte jeden. Als unser Block in den 90ern saniert wurde, habe ich wochenlang mit den Nachbarn über die Schächte im Haus sprechen können, konnte über das Baugerüst zu meiner Freundin in die fünfte Etage klettern. Natürlich durfte man das nicht. Gemacht haben wir es trotzdem. Meine Eltern leben noch heute dort. Die Nachbarschaft hat aber in großen Teilen gewechselt. Von diesem „Gemeinsam“ der Nachbarschaft ist zwar noch etwas übrig, aber es hat sich viel geändert. Man kennt sich nicht mehr so wie damals. Ich habe fünf Jahre in einem anderen Block gelebt während des Studiums. Ich kannte dort kaum einen Nachbarn – alles Einraum-Butzen. Man lebt da (gefühlt) in Käfigen isoliert nebeneinander. Das ist schade. Nachts brüllten Nazis ihre Parolen oder andere Unruhestifter grölten vor sich hin. Ich mochte das nicht.

„Heimat ist da, wo man sich Zuhause fühlt und sich in die Gesellschaft einbringt“

Familiär bedingt lebe ich jetzt auf dem Land. Hier wird das Dorfleben von regelmäßig wiederkehrenden Festen und Jahreszeitenfeiern bestimmt. Je länger ich hier lebe, je mehr ich mich einbringe, umso mehr erfahre ich über die Menschen hier. Die Meisten sind wie ich zugezogen. Zu Beginn der 90er lebten hier weniger als 150 Einwohner. Mittlerweile leben hier im Ortsteil gut 1100 Menschen. Das Dorf ist gewachsen, wurde von der Stadt Erfurt eingemeindet. Gerade bereiten wir die 875 Jahrfeier vor. Ich bringe mich gern in solche lokalen Angelegenheiten ein. Immerhin gehöre ich zu den mehr als vier Fünfteln der Zugezogenen seit Beginn der 1990er Jahre. Hier grölt zwar nachts keiner mehr und die Eule fliegt auch mal mitternachts ins Schlafzimmer. Probleme mit missverstandener Heimatliebe gibt es dennoch hier am nordwestlichen Rand von Erfurt. Ein Mitmensch hat die Wahlplakate einer rassistischen Partei in der Garage gut sichtbar hängen. Der Postbote fragte mich kürzlich, ob es in Ordnung gewesen sei, das Paket bei „dem Dunkelhäutigen“ nebenan abzugeben, „nicht dass etwas mit den richtigen Bewohnern des Hauses nicht stimme“. Dieser Nachbar hat seine Wurzeln nicht in Europa. Er lebt viel länger hier als ich. Der Ort ist seine Heimat. Wesentlich länger, als meine. In meinem Nachbar-Dorf soll Thüringens erste Moschee gebaut werden. Der Vorort gehört auch zu Erfurt. Der Protest ist groß. Religionsfreiheit aus dem mir so bedeutsamen Grundgesetz gilt hier nicht für alle. Für mich ist das unverständlich. Die meisten Menschen in diesen zwei Orten sind zugezogen, die wenigsten sind Christen. In die Kirche gehen sie an Weihnachten, christliche Werte, die halten sie hoch. Danach leben aber, das tun sie nicht. Das ist mein Eindruck. Er bedrückt mich. Ebenfalls im letzten Jahr habe ich hier einen Transporter einer großen Fleischerei entdeckt, in dessen Frontscheibe gut sichtbar ein „Anti-Moschee“-Aufkleber angebracht war. Mal abgesehen davon, dass Muslime nicht die Zielkundschaft dieser Firma sind, sondern der gestandene Schweinefleischfresser aus Thüringen [ich zähle dazu], fand ich diese öffentliche Ablehnung einer Religion als Unternehmen höchst befremdlich. Ich fragte also per Mail nach, ob es sich bei der Bekundung um eine Auffassung des Unternehmens, oder lediglich ein ‚Versehen‘ eines Mitarbeitenden handele. Man versicherte mir, dass letzteres der Fall sei. Aber einen faden Beigeschmack hat diese Situation dennoch bei mir hinterlassen. Ein paar Wochen später konnte ich bei der Physiotherapie folgenden Dialog unfreiwillig mit hören: Ich vernehme, wie sich nebenan eine Evangelin (sie betonte das so oft) über die eventuell zu bauende Moschee aufregt. Sie würde gern auswandern. In den Süden. Türkei würde ihr gefallen… Einer von vielen #kopftisch Momenten in Bezug auf Heimat der letzten Jahre.

Alltagsrassismus – Menschen die Menschen verachten

In meiner beruflichen Praxis moderiere ich hin und wieder Konferenzen und Tagungen. Vermehrt im ländlichen Raum von Thüringen [das ist übrigens für mich ganz Thüringen]. Aber auch in Bayern oder Sachsen-Anhalt bin ich beruflich unterwegs in immer ähnlichen Problemlagen. Auf einer Konferenz in Thüringen im letzten Jahr durfte ich einem geflüchteten Menschen aus Somalia auf einem Podium über „Rechtspopulismus und Zivilgesellschaft vor Ort“ ein paar Fragen stellen. Ich fragte ihn also, ob er rechtspopulistische und rechtsextreme Erfahrungen seit seiner Ankunft im Frühjahr 2017 hier in Thüringen erleben musste. Er sagte: „Ich musste keine Gewalt erfahren, also man hat mich noch nicht geschlagen oder so. Die Leute schauen mir teilweise nicht in die Augen, die schaffen das nicht. Autos fahren langsamer an mir vorbei und die Leute brüllen mir dann Dinge zu oder sie zeigen den Hitlergruß im Vorbeigehen oder Fahren!“. Der Saal war sprachlos und still über die Erfahrungen, die dieser Mensch aus der näheren Umgebung in seinem Alltag ‚hier bei uns‘ zu berichten hatte. Für diesen Mensch ist es also „Alltag“ [*sick*], dass ihm öffentlich der Hitlergruß, (strafbar nach Paragraf 86a, Absatz 2), gezeigt wird.

Redet mit ihnen, statt über sie – das wünsche ich mir sehr für die Gesellschaft. Heimat verändert sich. Immer. Permanent. Auch das ist für mich deutsch: Angst vor Veränderung. Angst, dass Menschen mit ihrem Glauben verändern. Ich gebe zu, ich glaube nicht an Gott. Ich habe keine christlichen Werte, nach denen ich lebe. Ich habe ein auf Humanismus basierendes Weltbild. Mir genügt das. Dazu gehört aber auch die Religionsfreiheit. Wer bin ich, dass ich anderen vorschreiben dürfte, wie sie zu leben haben? Wer bin ich, dass ich anderen vorschreiben darf, was für sie Heimat ist? Wer bin ich, dass ich das Konzept „Heimat“ als starres Gebilde betrachte, dass man nicht verlassen oder verändern darf? #typischdeutsch – das ist für mich im Rahmen der Geschichte unseres Landes auch immer Veränderung und letztlich auch der Wille (teilweise unter größten Anstrengungen) zu Freiheit und Demokratie.

Ich bin noch in einer Diktatur geboren. Das sehen nicht alle der Menschen so, die da auch geboren wurden oder die meiste Zeit ihres Lebens, bzw. prägende Sozialisationsphasen dort verbracht haben. Für sie ist die DDR keine schlechte Zeit gewesen. Das zu diskutieren ist nochmal ein weites Feld. Für mich bleibt die DDR eine Diktatur. Ich hätte mich dort nie so frei entwickeln können wie heute im hier und jetzt. Die DDR schrieb sich zwar den Antifaschismus auf die Fahnen, aber weltoffen war sie noch lange nicht.

Das Millenial-Ding | Improvisation in Sachen Moral, Vorurteile und Reformen

Ich finde es spannend zu den Millenlials zu gehören. Keiner nimmt mir meine Rechtschreibung übel: Ich habe zwei Reformen in meiner Schulzeit mitgemacht, am Ende wusste keiner mehr was Richtig oder Falsch ist. Ich habe einen Abschluss, den man wohl außerhalb von Thüringen nicht mal kennt: Ich habe die besondere Leistungsfeststellung bestanden. Den hat man nach dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium eingeführt. Er ist angeblich gleichwertig einem Regelschulabschluss. Steht jedenfalls drauf. Alternativ hätte ich einen externen Realschulabschluss machen können. Man hat damals Gymnasiasten einen Abschluss ermöglichen wollen, die das Abitur aus welchen Gründen auch immer nicht schaffen. Das ist übrigens auch #typischdeutsch – spannende Abschlüsse oder Urkunden erfinden. Ich habe auch eine Urkunde für den ersten Platz bei einem Bierkastenrennen in der Klasse der Frauen. Die Gründe für den Amoklauf im katastrophalen Sozialwesen an Schulen, mangelnden /defizitären sozialen (und familiären) Netzen oder im immer noch katastrophalen Waffenrecht zu suchen – das wäre ja zu einfach. Das ist übrigens für mich auch typisch deutsch: improvisierte Notlösungen á la ‚Wenn alle einen Abschluss machen können, passiert das ja nicht wieder‘ [übertrieben vereinfacht gesprochen].

Als Millenial steht mir die Welt offen. Ich konnte zum Schüleraustausch in die USA fliegen und war irritiert, als wir dort nicht über Politik sprechen durften, um niemanden zu verärgern. Ich war genauso irritiert, als man mir entsetzt sagte: „Oh I can see your shoulders – please cover up!“ [Oh – ich kann deine Schultern sehen – bitte bedecke dich!] – bis heute frage ich mich, was an Schultern so geil ist? Moral ist schon was Interessantes – so global betrachtet. In meiner Heimat hat niemanden interessiert ob mein Ausschnitt tief oder meine Haare mal bunt, mal pink, mal blond, mal braun waren. Das wäre dann auch typisch deutsch für mich: Dass man sich einfach ausleben kann, solange man niemanden anderen behindert. Wem etwas nicht passt, der schaut halt weg. Wenn es dich stört und du es selbst nicht so für dich haben möchtest, man dir aber nicht weh tut: Schau weg. Wenn du interessiert bist: Frag nach und sprich mit den Menschen. Das würde ich als derzeit Schwangere mit zwei Kleinkindern auch unterschreiben – denn was man sich ja teilweise als Eltern einer werdenden Großfamilie anhören muss ist auch oft sehr ambivalent. Genauso wie das Bild der Frau bzw. der Mutter – man kann es nämlich nicht allen recht machen. Glücklicherweise will ich das auch gar nicht, das macht es schon mal leichter für mich. Wenn du, so wie ich, nach dem ersten Kind nach acht Wochen wieder Arbeiten gehst, dann ist das für viele Menschen zu früh. Wenn du ein Jahr daheim bleibst, dann ist das zu lang. Wenn der Vater mehr als zwei Monate Elternzeit [‚Vätermonate‘ *sick*] nimmt, dann ist das zu viel. Wenn dein zweites Kind kurz nach dem ersten Kind kommt, dann ist das zu früh. Lässt du dir mehrere Jahre Zeit, dann ist das zu spät. Bekommst du nur ein Kind, erziehst du Egomanen. Bekommst du mehr als zwei Kinder, weißt du nicht wie man verhütet. Das ist für mich auch typisch deutsch: Einfach drauf los urteilen. Ich habe dazu gerade die Blogparade #Elternzeitgeschichten am Laufen – spannend welche Erfahrungen da andere Eltern machen.

Dabei gibt es kein richtig und kein falsch. Es gibt nur Lebensumstände, die eben für den Einzelnen dazu führen, etwas so oder so zu handhaben. Da hilft immer: Dialog! Diskurs! Aber bitte konstruktiv-kritisch und nicht urteilend, wertend oder vernichtend. Empathie, ja das würde ich gern als „typisch deutsch“ wissen. Aber dazu müssen wir wohl alle noch ein wenig mehr offen werden, für unseren Gegenüber, egal woher er oder sie kommt – egal was er oder sie glaubt – egal wie er oder sie lebt oder für welche Lebensform er sich entschieden hat. Es wäre schön, wenn Weltoffenheit endlich typisch deutsch wäre. Aber ein Ziel zu haben, ist ja nie verkehrt.

Als deutsches Millenial [denglisch = typisch deutsch] bin ich improvisieren gewöhnt. Im Lebenslauf und im Lebensverlauf.

 

Birgit

P.S.: Funklöcher sind übrigens auch #typischdeutsch 😉

 

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