#SalonEuropa – Blogparade „Europa bedeutet für mich…“

Als ich mich mit einer Bekannten kürzlich über die Rente unterhielt sagte ich ihr, dass ich gerade Vorsorgen abgeschlossen habe und noch abschließen werde. Ihre Antwort: „Na das klappt nur wenn kein Krieg kommt!“. Ich war irritiert. Für mich steht fest: Nie wieder Krieg. Darauf baue ich mein ganzes Leben auf.

Dieser beiläufige Satz hat mich nachhaltig betroffen gemacht. Nicht weil ich vermutlich als Selbstständige eine echt ätzende Rente zu erwarten habe, sondern weil für mich das Thema Krieg in Europa nicht existiert. Kriege finden um Europa statt (und das ist schon schlimm genug!). Unser Verhalten schürt einige von ihnen. Aber scheinbar ist bei einigen Menschen die Verunsicherung stark. Dieser Beitrag ist entstanden als Gedankenexperiment mit der Fragestellung „Was bedeutet Europa für mich…“ – initiiert durch den #SalonEuropa – ein Aufruf zur Blogparade der Burg Posterstein.

Europa – eine Wertegemeinschaft?

Für mich ist Europa erwachsen aus gemeinsamen Werten, aus dem Wunsch heraus in Frieden leben zu können. Ich verfolge keinen Glauben. Ich lebe humanistische Werte. Ich möchte trotzdem, dass jeder glauben darf woran er mag – und wenn es Star Treck ist – mir erschließt sich nicht immer der Unterschied zu einer Religion. Was ist überhaupt Religion? Waren wir uns nicht nach den Weltkriegen einig, dass da einfach jeder glauben und leben darf, dass das friedlich nebeneinander, bestenfalls miteinander passiert? Toleranz – dieses Unwort – bedeutet es nicht mindestens „nebeneinander zu leben“?

Ich dachte wir wären weiter. In meinem Berufsfeld der politischen Beratung, der Demokratiestärkung und der Rechtsextremismusprävention haben wir uns vor drei, vier Jahren auf wirklich hohem Niveau mit diesen Themen auseinandersetzen können. Wir haben nicht von „Asylanten“ oder „Asylbewerbern“ gesprochen– wir sprachen selbstverständlich von Geflüchteten oder Migranten. Von Asylsuchenden. Kein Mensch muss sich um Asyl bewerben. Wie soll denn das aussehen? Asyl ist Menschenrecht. Ich gehe soweit zu sagen: Europa, mit dem höchsten Wert einer friedlichen Gemeinschaft, ist Menschenrecht.

Wir sprachen von Menschenrechten und deren Gefährdung durch Rechtsextreme. Dann – wie aus dem Nichts – nach dem Erstarken der AfD, ist auf einmal wieder die Rede von Rechtspopulismus, weil wir ja nicht alle als Rechtsextreme bezeichnen können. Es ist die Rede von Rechtsradikalismus (was defacto im Kern nichts anderes als rechtsextrem ist) und ich frage mich immer wieder: Gibt es das – ein bisschen rechts oder ein bisschen mehr rechts? Wo macht man denn da den Unterschied? Und wieso sollte ich überhaupt einen Unterschied dazwischen machen? Das ist doch irre, dass wir uns überhaupt Begrifflichkeiten einfallen lassen um da zu differenzieren. Reicht da nicht ein Blick auf das Programm der jeweiligen Akteure?

Angst vor Identitätsverlust

Ich verstehe diese Angst vor dem Identitätsverlust nicht, die viele Menschen haben. Das ist übrigens „typisch Deutsch“ für mich. Eine Identität hat für mich vor allem persönliche Merkmale. Die Nation ist doch dabei völlig gleich. „Die gefährden unsere Frauen“ – diese Kampfmittel wurden seit jeher verwendet um Klischees und Stereotype zur Abgrenzung zu verstärken. „Wir wollen unser Land zurück!“ oder „Die da oben…“ sind dabei Sätze, die mich wirklich die Fassung verlieren lassen. Es gibt Menschen, die das Große und Ganze (im Sinne von Staatlichkeit) organisieren müssen. Die sind nicht da oben, die kommen aus unserer Mitte. Das Ständesystem ist längst überwunden. „Die“ werden von uns gewählt. Damit sie das machen können, bekommen sie eine Vergütung. Ihr Arbeitspensum ist immens. Die Verantwortung auch. Und welches Land haben wir denn verloren? An wen denn? Bringen die, die das immer so laut skandieren sich denn auch wirklich alle mit Herz und Verstand in diese Gesellschaft ein (die by the way ohne Engagement wirklich verloren wäre)? Sind die aktiv in Vereinen, helfen Familie und Nachbarn, machen etwas für andere und nicht nur für sich selbst?

Die Grenzen von dem, was wir heute als Europäische Union und wahrnehmen, haben sich stets und ständige verändert in den letzten Jahren. Es gab diverse Erweiterungsrunden und das war auch gut so. Die EU ist dabei nicht Europa. Ich kann vielleicht noch verstehen, dass sich Menschen nicht als EU-BürgerInnen sehen, weil ihnen der Bezug fehlt – auch wenn dieser da ist. Täglich. Die EU subventioniert allein hier in Erfurt / respektive Thüringen/ einiges. Vom Agrarbetrieb bis zum Straßenbau. Aber reicht das um dieses Identitätsproblem oder die Verlustängste der Lauten auszugleichen?

Heute sehe ich die Nachrichten: Flüchtlings-Trecks aus Honduras laufen durch Mexiko um endlich nach Amerika zu fliehen. Ich sehe Kinder, ich sehe unbegleitete Kinder. Ich sehe Mütter und Väter die mit dem, was sie am Leib haben und die ihre Herzen an den Händen führen, tragen und vorantreiben, voller Hoffnung und Trotz einmal quer durch Süd-Amerika laufen. Mir treiben die Bilder Tränen in die Augen. Ich sehe einen amerikanischen Präsidenten, der am liebsten sofort seine Mauer hoch ziehen würde, der tönt „Wir lassen die nicht rein!“.

Leben ohne Grenzen!

Ich will das alles nicht.  Ich möchte leben ohne Grenzen, möchte das jeder dort sein Glück findet, wo er meint es suchen zu müssen. Ich möchte keine Kinder, die aus Angst um ihr Leben und vor dem sicheren Tod abertausende Kilometer laufend fliehen müssen um ein gutes Leben führen zu können. Machen wir in Europa da einen Unterschied? Zu uns läuft man nicht mehr, zu uns schwimmt man in wackeligen überladenen Booten übers Mittelmeer.  Wir müssen heute über die Seenotrettung diskutieren und sie rechtfertigen. Ernsthaft was ist denn los hier? Wir müssen dafür kämpfen, dass Menschen nicht einfach auf dem Mittelmeer ertrinken? Wo ist denn die Logik und wer gibt denn Menschen das Recht darüber zu befinden, ob andere da leben müssen, wo sie zufällig geboren wurden? Wo doch unser Verhalten in Europa mit dafür verantwortlich ist, dass Fluchtursachen bestehen bleiben? Das ist verantwortungslos.

Wir können uns Mitgefühl leisten!

Die geringste Verantwortung, die wir hier übernehmen können für das „Große und Ganze“ – ist, die Geflohenen willkommen zu heißen und sie in unsere (wohlhabende) Mitte aufzunehmen. Mit unseren Werten, mit unserem Rechts- und Bildungssystem, mit unseren Gesetzen, an die sich die verdammte Mehrheit der Geflüchteten genauso hält, wie die Mehrheit der „Ur-Deutschen“. Wir können uns das leisten. Wir können uns Mitgefühl leisten. Wir sind versorgt. Wir leben auf hohem Niveau.

Wir haben sogar ein Rentensystem – also noch – weil der Generationenvertrag gebrochen wurde. Das gab’s doch früher noch nicht. Wir haben Sozialleistungen für alle, die in Not geraten in bestimmten Lebensphasen. Das ist human. Ja wir haben auch Probleme: Bildungspolitik mit lokalen Fürsten ist zum Beispiel so ein Drama. Digitalisierung, Umweltschutz – da geht noch viel. Alleinerziehende werden nicht genug gestärkt. Es gibt arme Kinder, zu wenig bezahlbaren Wohnraum. Das soll so nicht sein, denn wir haben genug für alle hier in Europa und auch hier in Deutschland. Gemeinsam können wir das ändern.

Wir verbrauchen Ressourcen in einem wichtigen Diskurs für Europa.

Momentan verbrauchen wir unsere Ressourcen im Kampf für humanistische Werte, weil wir mit Menschen den Diskurs suchen müssen, die nicht mehr an diese Werte glauben. Die Ängste haben, die wir nicht einfach wegwischen können. So wie wir einem Kind nicht sagen können: Das tut nicht weh. Nur das Kind kann wissen ob es weh tut. Menschen, die wir vom Wert Europa wieder überzeugen müssen. Deren Ängste sich nicht wegpusten lassen, wie der Schmerz meiner Kinder, wenn sie sich leicht wehgetan haben. In diesem Moment braucht das Kind meine Zuwendung und meine volle Aufmerksamkeit. Und ich glaube, genau diese Zuwendung benötigen gerade viele Menschen, die den Wandel nicht verstehen, die Ängste haben, deren Ängste von Populisten mehr geschürt werden, als dass sie Zuwendung von diesen erwarten können, oder Lösungen für bestehende Probleme.

Nie wieder Krieg!

Europa war und ist immer ein Kontinent von Wanderungen gewesen. Es gibt keinen „das ist so und das bleibt so – Zustand“. Europa ist Veränderung. Europa ist Diskurs. Ich hoffe Europa ist nie wieder Krieg!

Ok – diskutieren wir! Konstruktiv kritisch.

Für Mitmenschlichkeit, für Herz statt Hetze! Für Ethik und Nächstenliebe! Für Anstand!

Was ist Europa für dich? Lass uns drüber sachlich diskutieren.

Birgit

P.S.: Auf meinem Instagram-Profil habe ich meine Follower gefragt: „Was bedeutet eigentlich Europa für dich?“ – die Antworten kannst du in meinen Story-Highlights ansehen. Einfach auf mein Profil klicken und dann die Story anwählen.

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2 Kommentare

  1. Liebe Birgit,

    ich bin baff, gerührt, habe Tränen in den Augen und denke: Verdammt noch mal, sie hat so recht!!! Uns geht es verdammt gut, aber ja, nicht allen, aber im Vergleich zu denen, die ihr Leben riskieren in der Hoffnung auf ein würdevolles Leben, im Vergleich zu denen geht es uns verdammt noch mal gut!

    Populisten schüren die Ängste der Menschen hier. Die Menschen haben vergessen, wie es ist, im Krieg, in lebensbedrohlicher Not zu leben. Und trotzdem sind ihre Ängste und Sorgen ernst zu nehmen. Sie sind da. Dein Bild vom Kind, das sich weh getan hat und Zuwendung braucht, ist mehr als richtig und betrifft im übertragenden Sinn, ganz verschiedene Menschen, die, die zu uns kommen und die, die hier leben und das Gefühl haben, abgehängt worden zu sein. Und trotzdem geht es uns in einer Demokratie, in der Meinungsfreiheit und Freiheit generell da sind, richtig gut.

    Schaue ich mir die letzten Beiträge zur Blogparade an – lese gerade Nr. 66 ging ein, dann wird die Blogparade zunehmend politischer. Das war sie von Beginn an, jetzt spitzt es sich zu und mir schwant: Das muss nachbrennen, in der Jetztzeit umso mehr. Richtig ist es da, dass auch die traditionellen, lokalen Medien, die Blogparade begleiten. Kommen wir weg von den „Schwarzfahrern“, wie Schlecky Silberstein die Gefährder der Demokratie bezeichnet? Vielleicht. Aber auch seinen Beitrag muss ich noch genauer lesen.

    Dir erst einmal ein ganz dickes Dankeschön für diese leidenschaftlichen und wichtigen Worte, die zur rechten Zeit kommen!

    Herzlich,
    Tanja

  2. Liebe Birgit,

    vielen Dank für diesen beeindruckenden Beitrag! Auch ich kann dir nur zustimmen. Europa steht für mich für ein Miteinander, für Sicherheit und ganz besonders für Frieden. Aber leider sind sie da, diese Ängste, von denen ich persönlich nicht weiß, woher sie kommen. Ich finde deinen Aufruf zum konstruktiven Diskurs hervorragend! Genau das wollten wir mit dem #SalonEuropa auch anstreben. Denn diese aufkommenden Ängste lassen sich leider nicht „einfach wegwischen“. Wir müssen uns diesen Diskurs leisten, damit nicht die Angst und nicht die Hetze die Oberhand gewinnen, sondern wir gemeinsam Probleme wirklich lösen können. Nur in einem solchen Diskurs können Ideen und Veränderungen entstehen und Ängste ausgeräumt werden.
    Wozu Angst, Hass und Hetze führen können, haben wir so eindrücklich gesehen. Viel zu oft, sehen wir es immernoch.
    Deinem Wunsch, Europa soll nie wieder Krieg sein, schließe ich mich von Herzen an!

    Vielen Dank für deinen Beitrag!
    Herzliche Grüße
    Franziska

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