Meine erste Dienstreise mit meinem ersten Kind allein

Ein Beitrag zu #Vereinbarkeitsgeschichten. Aus meiner heutigen Perspektive fühlt es sich an, als lägen Monde dazwischen. Ich weiß noch genau wie aufgeregt ich war, als ich ein paar Wochen vor dieser Reise aus der Provinz nach Berlin überlegt habe, ob ich zu dieser Tagung hingehen werde oder nicht. Wie würden mitten im Umzug sein und es wäre dann Mitte Dezember und mein Erstgeborener knapp vier Monate. Nachdem ich zu diesem Zeitpunkt aber schon mehrere Dienstkilometer mit Mann oder Oma und Opa bestritten hatte fühlte ich mich stark und fit genug, diese drei tägige Reise allein mit Säugling zu bestreiten. Mein Quartier war die Wohnung von Freunden die zu diesem Zeitpunkt im Urlaub waren, aber selbst Kinder hatten im Wickelalter hatten. Also keine Überlegungen und Absprachen mit einem Hotel – das erfreute mich. Die Reise rückte näher und ich überlegt wie ich eigentlich mit Tausend Dingen für mich und das Baby am sichersten und praktikabelsten nach Berlin kommen würde. Nach einigen Recherchen im Netz bei diversen Müttergruppen und den Vor- und Nachteilen eines Kinderwagens auf Dienstreisen entschied ich mich ohne Kinderwagen zu reisen und nur die Tragehilfe, das heiß geliebte Bondolino zu nehmen, damit ich meinen pinken Koffer plus meiner seriösen Wickeltasche einfach in den Zug rein und raus wuchten konnte. Ich hatte so meine Erfahrungen mit Kinderwagen und dessen Stadttauglichkeit gemacht und wusste, dass ich längere Umwege zum barrierefreien Zugang zu einigen U-Bahn-Stationen hätte machen müssen. Auch für die Fahrt erschien es mir insgesamt sinnvoller ohne Kinderwagen zu reisen, da ich ein- und aussteigen konnte im Zug wo es mir gerade gepasst hat.

Der Tag rückte näher und näher und ich überlegte, wie viele Schlafsäcke, Bodys und Co ich wohl brauchen würde. Der Koffer bestand zu zwei Dritteln auf Klamotten für meinen Sohn, Windeln und anderem unnötigem Zeug und ein Drittel machte meine Kleidung aus. Nur so viel, dass ich zur Not mit Waschen vor Ort von diversen Milchkotzeflecken genug hatte um akkurat drei Tage zu bestreiten. Mein Sohn hätte noch eine weitere Woche in Berlin mit sauberer Kleidung verbringen können – aber man weiß ja nie!

Wir fuhren los bei kalten aber nicht eisigen Temperaturen, ich war dennoch froh nicht mit Säugling im Umzugschaos zu sitzen und überlies diese Herausforderung meinem Mann und Freunden. Ich lief zum Bahnhof, viel zu früh, ich war aufgeregt. Am Bahnhof sah ich eine Mutter mit vier oder fünf Kindern, eins im Tragetuch – vermutlich hätte sie über meine Sorgen geschmunzelt – jedenfalls bestärkte mich die Tatsache, dass man mit mehreren Kindern offensichtlich auch ans Ziel kommt ungemein in meinem Vorhaben. In Berlin angekommen lief auch alles rund – ich hatte den Tag nur für die Reise und chillen vor Ort eingeplant. Ein größerer Sturm wütete über Deutschland, aber wir kamen ohne große Verspätungen an. Die Tagung begann am nächsten Morgen. Es war kalt und es hatte – natürlich – das erste Mal in diesem Jahr in Berlin geschneit, bzw. tat es das auch immer noch. Na gut, ich war gewappnet, kein schickes Mäntelchen sondern eine warme Outdoorjacke mit Kumja (das ist ein Trageeinsatz für Jacken mit dem man so ziemlich jede Jacke tragetauglich bekommt) und packte mich und das Baby warm ein und ging zur S-Bahn. Ich stieg am Friedrichstadtpalast aus. Es wehte kein Wind mehr, jetzt tobte ein verdammt kalter Sturm mit Schneeböen. Jackpot. Und ich mit Säugling und dem Wunsch nach Pünktlichkeit mitten drin. Auf dem Weg versteckte ich mich bei einigen Böen zwischen den Häusern, bzw. drückte mich in Eingänge – es war schwer gerade zu gehen, man hätte sich vorbeugen müssen aber ich hatte das Baby in der Trage und Angst auf es zu fallen wenn ich ausrutschen würde. Ich fluchte. Ich fluchte ziemlich viel. Ich war nass an den Beinen, eine Outdoorhose hatte ich nicht, nur Tagungsklamotten und Schuhe – ich war nass von vorn bis auf den Schlübbi! Ich stand eine Weile in einem Hoteleingang mit einem älteren Herren, gedrückt zwischen Marmor-Säulen. Vor uns lag eine Brücke, auf der noch mehr Wind war. Der Mann und ich überlegten beide wann der richtige Zeitpunkt wäre zu gehen. Wir gingen dann mutig, dicht nebeneinander, zur Not hätten wir uns helfen können, über die Brücke und dankten einander fürs Bestärken, den Weg doch zusammen zu gehen. Ich kam auf der Tagung an, klatschnass unten, oben trocken, das Baby am Schlafen, es hatte nichts von der Aufregung mitbekommen, keine Windböe, keine Schneeflocke kamen an es heran. Ich fühlte mich ziemlich fertig aber freute mich, jetzt endlich zu meiner Tagung zu können, die ersten Grußworte liefen bereits, aber am Anfang wird immer so viel geredet in meinem Tätigkeitsbereich, dass man sicher sein kann, dass die wesentlichen Punkte noch kommen. Ich hatte meine Wickeltasche, ein buisnesstaugliches Modell dabei, und das Baby schlief noch. Ich weiß noch wie alle aufschauten, Frau mit Baby, in Trage – whaaaaaaaa Außerirdische – was macht die hier? Ehrlich? Kurz fragte ich mich das auch als ich die meisten Gesichter sah. Irgendein Minister erzählte gerade, da wurde mein Kind wach, weil andere Erwachsene mit ihren Handys spielten und laut erzählten. Ich gab ihm einen Beißring und er war weiter beschäftigt auf meinem Schoß, mitschreiben wurde nur schwer. Irgendwann wurde er unruhig, kurz vor der ersten Pause, ich ging und man sagte mir im Vorbeigehen durch die Reihen, dass mein Baby besser erzogen sei als so manch Erwachsener im Saal – das ermutigte und erfreute mich. Ich durfte immer in den Workshopräumen stillen und wickeln, lies den Zwerg am Boden ein bisschen brabbeln. Man hat mir sogar mal noch Getränke rein gebracht, damit ich auch noch was von der Kaffee-Pause hatte. Zur Mittagspause ging ich mit meinem Baby, es lag auf der Sitz-Bank, sah mich, gluckste, ich aß und konnte einige Gespräche führen mit Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich auf Toilette musste gab ich mein Baby beim Veranstalter für ein paar Minuten ab – die Damen freuten sich und schleppten es liebenswerter Weise für mich vor der Toilette bis ich wieder da war. Ich lernte in den zwei Tagen unglaublich viele frischgebackene Väter kennen, die sich alle freuten bald wieder zu ihren Frauen und Babys nach Hause zu kommen, und die sich nicht vorstellen konnten, dass ihre Frauen mit Babys neben mir sitzen würden, auf einer Tagung so weit weg von daheim. Ich lernte auch einige Frauen und Studentinnen kennen, die meinten, sie wären nie auf die Idee gekommen, dass man sein Kind mit auf die Arbeit nehmen kann. Das würde sie aber beruhigen und sie hätten gesehen, dass es eine Form von Vereinbarkeit sei, und dass man nicht erst warten müsse bis man im Beruf weit gekommen sei um ein Kind zu bekommen. Natürlich hatte ich auch gute Gespräche und neue Kontakte gefunden um die zu meinem eigentlichen Arbeitsfeld gehörten. Aber das Babycoworking fällt halt doch immer etwas auf, auf den Veranstaltungen, wo die Menschen Buisness-Kleidung tragen, Sakko, Hemd und Bluse und meistens keine Teilnehmenden u27 dabei sind. Ich selbst war damals 28 und eine der jüngsten Teilnehmerinnen und dann auch noch mit Kind. Ich muss aber auch niemanden fragen ob ich das machen kann, ich mache es bedingt durch meine Selbstständigkeit einfach. Wer sollte mich hindern? Im Vorfeld der Tagung hatte ich dem Veranstalter Bescheid gegeben und dieser sah kein Problem darin. Heute würde ich vermutlich nicht einmal mehr jemanden vorwarnen.

 

Die Tagung ging vorbei, der Sturm auch und ich musste jetzt nur noch daran denken den anderen Zug in das neue Zuhause in der neuen Provinz zu nehmen. Auf dem Weg zum Zug lies ich uns den Koffer – ein kleiner Trolley – von einem netten und hilfsbereiten Herren über die zugefrorenen Stufen einer Brücke tragen (Berlin in Winterdienst – naja das ist fast wie Berlin und Flughafen bauen), damit ich mich festhalten konnte am Geländer um nicht zu fallen. Er meinte nur: „Wat hammse denn da allet rin jepackt – der wiecht ja ne Tonne! Soviel Zeuch brauch das Kleene doch nich!“ Und wie er Recht hatte. Die Hälfte seiner Baby-Klamotten war komplett überflüssig. Heute würde ich anders packen. Das Bild entstand im Zug, entgegen der Fahrrichtung, er hat wunderbar einfach geschlafen, sowie es Babys in dem Alter ja noch sehr viel am Tag machen. Für ihn war das ein riesen Spaß, hauptsache bei Mama, bei Mamas Milch und der Rest war ihm wie immer auf Reisen herzlich egal. Gut frische Windeln – aber das ist ja selbstverständlich. Er wog damals ein bisschen über 8 Kilo, also mit Koffer gab es echt was zu schleppen, aber immernoch weniger, als ich am Ende der Schwangerschaft wog. Es gibt von dieser Reise leider kein Selfie – heute wäre ich dazu in der Lage, aber damals war ich damit beschäftigt von A nach B zu kommen und so unglaublich aufgeregt. Aber es lief und ich war voller Tatendrang wieder wohlbehalten mit Kind daheim im neuen Zuhause gelandet

 

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