Hormone – oder warum ich fremdgesteuert bin

Mein Milchmädchen wird in ein paar Monaten zwei Jahre alt. Sie stillt noch und für mich ist das in Ordnung. In letzter Zeit fahre ich öfter auf längere Dienstreisen, bin auch mal über Nacht weg, das alles ist kein Problem für sie. Dann kuschelt sie daheim mit Papa. Aber für mich ist es eine emotionale Hölle.

Trennung vom Kind ist für mich die hormonelle Hölle

Wenn ich mein Kind länger als zehn bis zwölf Stunden nicht gesehen habe, fallen mir an mir Veränderungen auf. Ich werde unbewusst unruhig und hoch emotional. Eine geschnittene Scheibe Brot bringt tiefste Emotionen in mir hoch und ich könnte heulen. Es ist zum Schreien. Als ich vorletzte Woche nach der Blogfamilia, einer wundervollen Bloggerkonferenz, in Berlin übernachtet habe war die Rückfahrt am nächsten Tag eine emotionale Bahnfahrt die ich nie vergessen werde. Das mit der Milch ist kein Problem. Meine Brust kommt locker damit klar, dass ich so lang weg bin und erst nach 12 – 14 Stunden muss ich mal „Druck ablassen“ mit der Pumpe oder Ausstreichen per Hand. Das war vor einem halben Jahr noch etwas schlimmer, da waren schon sechs bis acht Stunden grenzwertig und ich konnte teilweise nicht mehr Autofahren weil die Milch so viel Druck und Spannung bis unter die Achsel aufgebaut hat, und ich musste erstmal an der nächsten Raststätte abpumpen. {oder während der Fahrt in einem langen Tunnel – es war immerhin kein Handy am Ohr…} Ich habe also auf längeren (Dienst)-Reisen stets eine kleine Milchpumpe dabei und suche mir einen ruhigen Ort zum Druck ablassen.

Bei meinem ersten Kind war ich ziemlich ungeschickt mit der Pumpe, aber den Großen habe ich so bis knapp 1,5 Jahre einfach immer dabei gehabt wenn ich über Nacht unterwegs war. Als Selbstständige plane ich da einfach etwas anders und hatte ggf. jemand zur Betreuung des Kindes dabei. Meistens meine Mutter oder, wenn er nicht gerade studierte oder arbeiten musste, der Papa natürlich. Da ich dann schon wieder mit dem Milchmädchen schwanger war und aufgrund starker Blutungen ziemlich abrupt abstillen musste, habe ich leider keinen Vergleich, wie ich damals gewesen bin – also emotional und hormonell – denn ich war ja schon wieder schwanger und anderweitig hormonell fremdgesteuert.

Zurück zur Bahnfahrt von Berlin nach Erfurt. Schon früh im Hotel habe ich Rotz und Wasser geheult, als ich irgendwas schönes im Fernsehen gesehen habe. Es ging um Arbeitsmodelle und neue Formen, Vereinbarkeit und Zeit. Bekloppt dachte ich über mich selbst. Im Zug eingestiegen hatte ich einen Platz direkt hinter dem Familienabteil zufällig erwischt. Es waren drei Familien mit Kindern in meiner nächsten Nähe. Allein das Stimmengewirr war so beruhigend nach der Stille im Hotel, dass ich mich sofort heimelig gefühlt habe. Und ich natürlich stand mir das Wasser direkt in den Augen. Als wir dann an Leipzig und den schönen Landschaften vorbeigefahren sind gab es dann kein Halten mehr – ich saß im Zug, das Gesicht voller Wasser. Zum kotzen dachte ich, wo ist die Frau, die sich sonst immer im Griff hatte, so mit Emotionen vor anderen hab ich es nämlich nie gehabt. Dann weinte ein Baby, und es passierte, was mir schon schwanger mit dem Milchmädchen an der Kasse passierte, als ein Baby weinte und nicht sofort aus diesem verdammten Maxicosi genommen wurde, sondern einfach „ruhig sein sollte“ laut Mutter, (wobei das in diesem Fall im Zug nicht der Fall war, die Mama nahm das Kind, es wurde gefüttert, bzw. gestillt.). Naja jedenfalls: Ich bekomme dann einen Milcheinschuss. Und neben der Tatsache, dass ich heule läuft parallel dazu noch unkontrolliert Milch aus mir. Hell ya: Was ist los mit mir? Das können diese Hormone? Laut Hebamme und Stillberaterin ist es das fehlende Oxytocin, das verusacht, dass ich im Laufe des Tages so emotional, so fremdgesteuert werde. Also das Fehlen vom Kind, das Kuscheln, das Stillen – kurz: Ich habe wohl Liebeskummer und werde deswegen so verrückt im Kopf. Ich bin ein Opfer meiner Hormone. Und ich kann nichts dagegen machen. Außer laufen lassen. {…also die Tränen, den Milcheinschuss kann ich durch Drücken auf die Brust ganz gut in den Griff bekommen – sieht halt nur doof aus, sich zwei Finger auf jede Brust zu drücken, an der Kasse in der Schlange und ist auch im Auto nicht immer möglich, denn eine Hand muss mindestens am Lenkrad bleiben…}

Darauf hat mich keiner vorbereitet. Wirklich. Das macht mich fertig.

Gestern auf der denkst – einer weiteren Bloggerkonferenz in Nürnberg {der Bericht folgt noch, genau wie der von der Blogfamilia} – jedenfalls: Genau das gleiche hormonelle Desaster. Nachdem Mama Schulze aus ihrem Buch über ihr Leben mit drei Kindern und der Krankheit Multiple Sklerose gelesen hatte und so schonungslos ehrlich über ihre Wut, Verzweiflung und die Liebe gesprochen hat, war mein hormonelles „Ich“ insofern beruhigt, weil auch den definitiv nicht mehr stillenden Mamis um mich das Wasser in den Augen stand. Das muss dann wohl Empathie sein dachte ich, und das ist wertvoll. Als dann eine Mama ein weinendes Kind auf dem Schoß hatte, oder eine weitere ihr Kind stillte, war es dann schon wieder die Hormonella in mir, (so nennt mich der Mann immer, aus Gründen…) die schon wieder a) Tränen in den Augen und b) Milcheinschuss hatte. Auf der Rückfahrt dann noch mehrfache Heul-Momente weil mal ein Lied schön war oder die Landschaft so traumhaft oder der Sonnenuntergang so unbeschreiblich warm.

Ich hoffe ich werde irgendwann wieder normal im Kopf und diese hormonellen Aussetzer der Hormonella in mir lassen nach. Ich bin insgesamt weicher geworden, und werde es wohl durch die Kinder auch immer bleiben. Aber dass Hormone so einen Einfluss auf mich und meine Contenance haben werden, das hätte ich vor den Kindern, vor der Schwanger-Stillzeit-Stillendschwanger-Schwangerschaft-und-wieder-Stillzeit vor etwas mehr als vier Jahren, nie gedacht.

Ich freue mich, wenn ich damit nicht allein bin – ihr seid also herzlich eingeladen eure Heul-Momente und hormonellen Aussetzer mit mir zu teilen.

Eure Birgit aka Hormonella aka Provinzmutti

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