Gedanken zum Hass

ch habe heute meinen Schreibtisch aufgeräumt. Das Buch von Carolin Emcke ‚Gegen den Hass‘ fiel mir dabei in die Hände und der Titel trifft so ziemlich genau das, was mir so unaufgeräumt im Kopf herum schwirrt. Gegen den Hass argumentieren, der jetzt kurz vor den Feiertagen wieder überall aufploppt, ist in diesen Tagen eine besondere Herausforderung.

Dem Kleinkind das Gesagte aus dem Radio zu erklären genauso.

„Mama da sind welche gestorben hat der gesagt. Wegen ein LKW.“ „Ja der hatte einen Unfall.“ „Hat der einen Unfall gebaut Mami?“ „Ja und deswegen schnallen wir uns immer gut an im Auto, damit wir sicher sind bei einem Unfall.“ „Ja Mami!“ …und weg ist er spielen.

Wie soll man denn auch einem Dreijährigen erklären, was selbst uns so surreal erscheint? Das fordert mich, bzw. uns Eltern echt heraus.

Vielleicht ist es jetzt einfach wichtig unsere Beziehungen zu pflegen. Zu unseren Kindern, zu uns als Familie, als Paar, zu unseren Freunden und Bekannten und auch zu uns Unbekannten. Miteinander statt Gegeneinander. Gemeinsam statt einsam. Liebe statt Hass.

Nachdem mich letztens auf einer Tagung ein Mensch verbal sehr hart angegriffen hat, bevor wir uns überhaupt Guten Tag gesagt haben, habe ich face to face seine Wut auf das System fühlen können. Er war Rentner und voller Wut auf alles und jeden. Unsachlich und angreifend. Ich habe ihm erklärt, dass ich mich mit ihm als Mensch gern unterhalten hätte. Er fragte immerzu ob er für mich schon ‚rechtsextrem‘ sei, weil er Anhänger einer rechtspopulistischen Partei sei. Und da war nur blanke Wut und Hass. Letztendlich hat er die Veranstaltung freiwillig verlassen. Ich hätte ihm erklären sollen, dass ich auch manchmal wütend bin. Auch auf das System, aber ich nicht einfach vor mich hin hassen werde, sondern mich immer einbringe und aktiv mit gestalten werde. Es geht doch nicht ohne mich. Und es geht nicht ohne die Menschen in der Gesellschaft. Wir haben doch alle einen Beitrag zu leisten, wir sind doch alle ein wertvoller Teil einer großen gesamtgesellschaftlichen Beziehung. Wir müssen nur die Empfänger und die Sender wieder etwas feiner tunen und ohne Rauschen einstellen. Mir wird ein bisschen schlecht, wenn ich daran denke, wie viele unsachliche und wütende Gespräche mit Stammtischflair über die Feiertage stattfinden werden.

Ich habe mich entschieden ab sofort jeden zu umarmen der mir so wütend daher kommt. Ich hasse niemand. Für mich sind es in ihren Beziehungen zu anderen Menschen, zum Staat und Sozialwesen verletzte Menschen. Aus welchen Gründen sie sich so fühlen kann ich schwer nachvollziehen, in einem Land indem jeder (fast) alles werden kann und jeder so viel selbst gestalten kann, wenn er aktiv wird und sich beteiligt und seine Beziehungen pflegt, zu sich, seiner Familie, Freunden, Bekannten und dem Gemeinwesen (denn daran müssen wir uns alle beteiligen, das funktioniert nicht nur mit Aufgabendelegation an Politikerinnen und Beamte). In Beziehung zu treten setzt auf der einen Seite einen Sender und auf der anderen Seite einen Empfänger voraus. Insofern müssen wir eben auch den Hass und die Wut überall irgendwie als Signal empfangen. Und bestenfalls mit Liebe antworten. Ob sie ankommt? Keine Ahnung. Aber ich wüsste nicht warum ich unsachlich und wütend zurück hassen sollte. Schon gar nicht wegen einer Herkunft, eines Glaubens, einer Weltanschauung, einer sexuellen Orientierung, einer körperlichen Einschränkung, eines Geschlechts, einer Hautfarbe oder einer Kultur.

Den Menschen, die diese Woche aus Hass irgendwo auf dieser Welt Angehörige verloren haben wünsche ich Kraft, den Verlust irgendwie und irgendwann verarbeiten zu können. Ich hoffe, dass sie nicht zurück hassen.

In diesem Sinn: liebevolle und warme Feiertage für euch alle!

Birgit

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