Geburtsbericht: Deine Sonne geht auf.

Nach einem Jahr kann ich darüber schreiben: Dein Geburtsbericht. Es war sehr früh am Morgen, und wie bei der Geburt von K2, wurde ich etwas gerädert munter. Seit April hatten wir eine Hitzewelle. Es war warm, die ganze Nacht im Juni war heiß. Ich hatte aber soweit ganz gut geschlafen. Ich fühlte: Es geht los, du kommst. Ich war sofort hellwach.

Wenn ich das so schreibe, dann laufen mir jetzt, gut ein Jahr danach die Tränen. Dieses Geburtsding ist einfach so epochal emotional für mich. Wie bei K2 spürte ich, dass du dir den Weg mit Nachdruck jetzt doch ans Tageslicht bahnen möchtest. Ok dann mach bitte, dachte ich, du warst seit einer Woche überfällig. Ich sehnte deine Geburt herbei.

Bitte aufstehen. Die Geburt geht los.

Ich weckte deinen Vater, dessen größte Angst eine weitere Autofahrt mit einer drohenden Sturzgeburt im Kofferraum war, und bat ihn sich anzuziehen. Er ging erstmal duschen und seine morgendliche Routine erledigen. Die Kinder waren auch irgendwie munter durch die Unruhe. Wir weckten Oma und Opa mit den knappen Worten, dass die Geburt jetzt los geht. Sie übernahmen deine Geschwister und die beiden kleinen Großen kuschelten sich müde und doch sehr aufgeregt zu ihnen. Hoch lebe das Gemeinschaftshaus. Keine Wegzeiten zu überbrücken.

Bitte keine zu schnelle Geburt.

Derweil bat ich deinen Papi mit Nachdruck, jetzt bitte in die Puschen zu kommen. Er sagte: „Ich dachte wir haben Zeit?“ und ich antwortete: „Ja, aber ich weiß nicht wie lange.“ – alles in mir machte sich bereit, ich holte noch ein Handtuch für den Notfall, das Auto war nach K2 besser ausgestattet für den Weg zur Klinik. Die Fruchtblase war bereits gesprungen. Ich war mit mir beschäftigt. Ungläubig starrte ich auf die Wehenabstände der Wehenapp (diesmal hatte ich sie weit im Vorfeld geladen, im letzten Geburtsbericht habe ich das erst unter der Geburt gemacht); die Wehen kamen alle 3 – 4 Minuten, binnen einer halben Stunde, also ab: los jetzt.

In dem Moment, als ich noch schnell einen großen blauen Sack aus Plastik über meinen Sitz legte, irgendwo da realisierte auch dein Papa, dass das jetzt kein Spaß mehr war und wir noch 30 Minuten fahren müssen in meine Wunschklinik. Der Blick – unbezahlbar. [Hier ein leises Kichern im Geburtsbericht vorstellen…]

Wir fuhren. Wir redeten nicht, ich tönte. Dazwischen hielt ich immer mal die Stimmung hoch und sagte zu Papa, dass ich es gut schaffen werde. Das beruhigte ihn und mich irgendwie auch. Dein Papi wollte auch beim dritten Kind nur eins: Endlich in der Klinik ankommen. Er fuhr ruhig, zügig und etwas nervös.

Erinnerungen

Als wir an der Stelle vorbei fuhren, wo ich bei K2 in den Kofferraum wechseln musste, weil ihr Kopf kam, mussten dein Papa und ich sehr lachen. Der Geburtsbericht ist sofort da im Kopf. Wir wussten das schaffen wir diesmal entspannter.

Ankunft bei Sonnenaufgang

Angekommen in der Klinik machte ich noch dieses Bild am Eingang. Es sollte noch ein CTG gemacht werden, es bestätigte was ich selbst bereits wusste: Das läuft hier gut, die Wehen hatten sich ob der Aufregung etwas beruhigt. Das tat mir gut. Die Fruchtblase platzte als ich zur Ärztin sollte. Ich ging dann direkt in das Geburtsvorbereitungszimmer, die letzte Station vorm Kreißsaal normalerweise. Die Kreißsäle waren alle belegt. Ich wusste ich werde schneller sein.

Die Hebamme kommt: Endspurt

Ich tönte und tanzte. Ja, tatsächlich habe ich dich heraus getanzt. Die Hebamme schaute nur vorbei wenn ich es brauchte. Eine knappe Dreiviertelstunde wehte ich mich komplett ein, tanzte bis ich nicht mehr stehen konnte. Ich schnaufte. Die Hebamme und die Ärztin, letztere seit 20 Stunden auf den Beinen, erkannten mein fortgeschrittenes Schnaufen durch die angelehnte Tür.

Sie kamen rein mit den lachenden Worten: „Sie überholen alle, ich dachte ich könnte endlich mal duschen.“. Ich lachte mit, denn dass es so schnell geht mit deiner Geburt am Ende, da war ich auch diesmal überrascht. Irgendwie läuft man unter so ner Geburt ja auch nicht ganz rund im Kopf. Ich jedenfalls bin nicht zurechnungsfähig. Für die Ärztin warst du die Neunte Geburt in ihrer Schicht. Zwei weitere Frauen, die mit uns ankamen, warteten ebenfalls auf frei werdende Kreißsäle. Jede Geburt wird dokumentiert. Jede Geburt ein Geburtsbericht. Zu zweit. Jobs am Limit. Der Motherhood e.V. setzt sich seit vielen Jahren für dringend benötigte bessere Bedingungen ein.

Nicht nur für Gebärende ist so eine Situation stressig: Das medizinische Fachpersonal ächzt ebenso unter diesen mangelhaften Bedingungen. Dass alle Pflegekräfte dennoch ihr Bestes geben und auch bei der 9. Geburt am Tag lächelnd und motiviert den „Nicht“Kreißsaal betreten ist für mich nicht selbstverständlich.

Kreißsaal voll

Da alle Kreißsäle belegt waren musste es da weiter gehen wo ich war. Alles besser als im Auto. Es war intensiv, es ging schnell. Auch du hast nur knappe 2,5 Stunden gebraucht, aber du hast uns netterweise genug Zeit zur Anreise gelassen und bist nicht wie deine Schwester überstützt unter 90 Minuten gekommen.

Voller Endorphine erlebten wir deine Geburt. Natürlich war sie schmerzhaft in der Endphase. Ich konnte dich ohne das mir so lästige Dauer-CTG gebären und auch meine Wünsche keine Flexüle oder Schmerzmittel zu bekommen wurden erfüllt. Meinen Geburtsplan konnte ich im Wesentlichen umsetzen. Ich weiß, dass sich viele Frauen die Plazenta noch ansehen – ich lese das oft in einem Geburtsbericht: Ich war nur froh als es vorbei war, du in meinen Armen lagst, bereits die Brust gesucht und gefunden hattest und alles gut war.

Geburt: Hallo Baby – endlich bist du da.

Da waren wir nun zu dritt, im Herzen zu fünft, und die Sonne war noch lange nicht richtig aufgegangen. Den Papa bekam Hunger. Wir sind ja diesmal los gefahren ohne zu frühstücken. Bereits als ich deinem Papa gesagt habe, dass ich mit dir schwanger bin, hat er gesagt, dass wir ohne Frühstück in die Klinik fahren. Ich hatte viel Blut verloren und es wurde mir nach der Geburt sicherheitshalber doch noch eine Flexüle gesetzt. Man überlegte ob ich Infusionen brauchte. Nach dem Frühstück im Bett ging es mir aber sofort besser, mein Kreislauf war stabil und keine weiteren Interventionen notwendig.

Es wurde ein heißer Tag. Deine Geschwister haben dich ein paar Stunden später kennen gelernt und waren gespannt auf den Bericht deiner Geburt. Dein Papa hat für maximale Verwirrung gesorgt, weil er Oma und Opa einen anderen Namen geschickt hat, als ich es tat. Wie deine Geschwister dich empfangen haben werde ich nie vergessen. Ganz sanft und zart. Aufgeregt, grinsend, strahlend, unbeholfen, noch unsicher aber voller Liebe. Sie haben dich bis ins kleinste Detail untersucht und mich auch.

Sonnenuntergang an deinem Geburtstag.

Und am Abend? Nachdem ich dich den ganzen Tag angestarrt, geküsst und realisiert habe, dass du da bist wurde ich mit einem phantastischen Sonnenuntergang belohnt aus meinem Zimmerfenster. Du lagst noch immer nur in meine Tücher gewickelt im Bett. Ich wollte deinen ursprünglichen Duft so lange es nur geht pur riechen und für immer konservieren. Ich fotografierte dich von allen Seiten in diesem wunderbaren Licht. Außer meinen Eltern empfing ich in meinen knapp 2 Tagen keinen Besuch. Ich wollte nur uns beide ankommen lassen. Deine Geschwister wurden daheim gut versorgt von Papa.

Die Samstagskinder sind komplett.

Erst einige Tage später realisierte ich, dass wir nun drei Samstagskinder haben. Alle fast zur gleichen Uhrzeit geboren, kurz nach Sonnenaufgang. Drei unterschiedliche Geburten und jede mit ihrem eigenen Geburtsbericht. Zwischen K2 und K3 lagen zwar knapp 2 Jahre und 8 Monate – aber nach Tageszeit liegen sie gerade mal 10 Minuten auseinander. Verrückt. Nun seid ihr komplett. Ihr wunderbaren Samstagskinder.

Ich habe bei dir bisher noch keine Unterlagen aus der Klinik angefordert. Die Geburt war einfach absolut schön. (So schön wie Geburten eben so seien können mit allem was da Endorphinen, körpereigenen Opiaten und Schmerzen dazu gehört).

Und hier endet dein Geburtsbericht. Ich bin glücklich deine Mama zu sein.

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