26. April 2002 – das Knallen, dass bis heute nach hallt

Vor 15 Jahren an diesem Tag war ich in der Schule in Jena. Es war ein normaler Tag für mich. Am 27. April war dann alles anders. Am 26. April 2002 fand in Erfurt am Gutenberggymnasium ein Amoklauf statt. Weltweit wurde von jetzt auf gleich über Erfurt berichtet. Keiner hatte mit so einer Tat gerechnet. Schon gar nicht in Erfurt. Es dauerte eine Weile bis die Tat klar wurde, bis klar wurde, was da gerade passiert. Im Radio war davon zu hören, und in den Nachrichten konnte man es dann sehen, alle Sender hatten Sondersendungen. Warum ich heute darüber schreibe? Der Amoklauf betrifft meine Familie bis heute. Mein Mann gehörte zu jenen Schülern am Gutenberg, die gesund raus gekommen sind. Es hätte auch anders ausgehen können. An diesem Tag durfte er eher aus der Klasse gehen als sonst. Also gingen sie. Dass im Schulgebäude mehrfach ein lautes Knallen zu hören war hat sie zunächst nicht irritiert – es waren Bauarbeiten im Gebäude, da kann schon mal was knallen. Was aber für das Knallen verantwortlich war, das ging ihm nur langsam beim Gang durch das Gebäude auf. Dann war da nur noch ein Ziel: Raus aus der Schule! Weg vom Gebäude! Schnell! Die Erinnerungen sind verschwommen. Das menschliche Gehirn hat wohl seine Gründe dafür. Wenige eindringliche Details bleiben – anderes ist weg.

Wir haben viel über den Tag gesprochen in den letzten 12 Jahren, in denen wir uns kennen. Und bis heute hätte der Amoklauf auch unsere Geschichte ganz anders beeinflussen können. Es hätte sie schlicht nicht geben können. Die Lehrerin, die meinen Mann eher gehen lies, wurde tot gefunden. Ein paar Minuten eher, ein paar Minuten oder Sekunden später, das hätte gereicht, dass es heute keine Familie mit zwei gesunden Kindern geben würde. Jedenfalls nicht hier und nicht mit diesen Kindern, die wir über alles lieben! Wir wollen ihnen vorleben, dass kein privater Mensch Waffen braucht. Wir haben unsere Gründe dafür. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder „Schießen“ spielen. Wir haben unsere Gründe dafür. Wir wissen, was passiert, wenn der Falsche auf Unschuldige schießt. Wir wissen, was das für Familien, Freunde, Angehörige, Umfeld und den weiteren Lebensweg bedeuten kann. Wir sind nicht jeden Tag gelähmt deswegen. Und an vielen Tagen denkt mein Mann auch nicht an diesen Tag. Aber es gibt Tage, da denken wir eben doch daran. Nicht unbedingt Jahrestage. Vor allem an den Tagen, wenn woanders ein ähnlicher Vorfall ist. Wenn Menschen auf unschuldige Menschen schießen und in ihrer Wut und Verzweiflung anderen Menschen das Leben nehmen und zu Mördern, zu Tätern werden. Das passierte in den letzten Jahren doch öfter, und so denken wir wohl doch öfter als wir denken, an diesen Tag.

Was hat sich eigentlich geändert, in all den Jahren, die seit dem Amoklauf in Erfurt vergangen sind? Ich war am vergangenen Wochenende zu einem Workshop in einer Schule in Bayern gebucht. Das Thema war online Hass, und wie man damit umgehen kann. Ich war genervt, weil ich für die Räume einen Schlüssel brauchte um rein zu kommen. Wie unpraktisch dachte ich. Eine Klinke hätte es doch auch getan und nicht der Knauf. Naja und dann meldet mein Hirn: Amok-Prävention. Klar. In vielen Schulen ist das mittlerweile ein Standard – und ganz klar eine Folge. Es gibt Codewörter für die Lehrer- und Schülerschaft über die Sprechanlagen per Mikrofon. Es gibt jetzt auch Evakuierungspläne und Konzepte, für einen solchen Fall der Fälle. In Amerika wird selbst mit Vorschulkindern geübt, dass sie im Fall der Fälle leise auf Toiletten klettern, sich verstecken und auf Hilfe warten sollen – damit ein potentieller Täter sie nicht entdeckt und erschießt. WELT berichtete 2016 darüber, als eine Mutter entsetzt das Bild ihrer kleinen Tochter, auf der Klobrille Still-Stehen übend, postete. Es ist krank, dass ein Land seine Kinder das Still-Stehen auf Klobrillen üben lässt, anstatt den Zugang zu Waffen zu beschränken.

Man hat nach allen Amokläufen hier in Deutschland dieses Szenario auf dem Schirm, also dass es passieren kann. Aber hat man an der Ursache etwas bearbeitet? Noch immer fehlen in den Schulen adäquate Anzahlen von SchulsozialarbeiterInnen. Mobbing wird eher verschwiegen als thematisiert. Verspottungen sind Alltag. An der Schule, an der ich war, las ich auf einem Zettel, eine Bitte an Gott, die von einem Kind der sechsten Klassen geschrieben wurde – für mich ein Wunsch, der Bände spricht, auch wenn ich nicht zu viel hineininterpretieren will. Er ist aber ein schönes Symbol – auch wenn ich selbst nicht an Gott glaube.

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Durch die neuen Medien, Messengerdienste und soziale Netzwerke, wird Spott auf Einzelne viel weiter transportiert. Menschen, mit geringer Resilienz (also psychischer Widerstandskraft), können so zu Tätern werden. Das spricht potentielle Täter nicht von ihrer Schuld frei. Es gibt nur viele Faktoren, die einen Täter erst zum Täter machen. Fehlende soziale Absicherungsnetzwerke  oder versagende Sozialprognosen, ein krisenbehaftetes (familiales) Umfeld, selbst erlebte on- und offline Gewalt durch andere – um nur einige zu nennen. Während dieser Blog-Post bereits fertig zur Veröffentlichung ist, heißt es einen Tag vor der Jährung des Erfurter-Amoklaufs in der Thüringer Allgemeinen Zeitung, dass Cybermobbing an nahezu allen Erfurter Schulen ein Thema ist. Die Kreiselternvertretung warnt eindringlich vor den Folgen, des online und offline Spotts. Der Mitteldeutsche Rundfunk berichtet einen Tag vor der Jährung über eine viel zu geringe Anzahl an Schulpsychologen. In Sachsen kommt auf 15.630 SchülerInnen ein Psychologe. Direkt nach dem Amoklauf hatte der damalige Bundesinnenminister Schily einen Psychologogen für jede Schule gefordert.

Das Hauptproblem: Das deutsche Waffengesetz! Ich kann bis heute nicht verstehen, dass irgendein Privatschütze seine Waffe daheim aufbewahren darf. Wozu? Die Gefahr, dass seine Kinder, Angehörigen oder er selbst diese missbraucht, um andere Unschuldige zu töten, wiegt für mich einfach viel zu hoch! Kein Mensch braucht eine Waffe daheim – so meine Haltung aus den genannten Erfahrungen.

Kürzlich sollte eine Glocke gegossen werden für das Gutenberggymnasium, zum Gedenken an die Ermordeten und zur Mahnung der Tat. Der Guss missglückte im ersten Versuch. Die Inschrift soll lauten: „Der 26. April 2002 war ein schwarzer Tag.“. Besonders gewählt finde ich den Schriftzug nicht. Er reiht sich für mich ein, in eine Zahl von Abhandlungen und Werken über diesen Tag, die auch bei uns im Bücherregal stehen. Merheitlich nur angelesen.20170424_102323_resized

Der Tag war zunächst ein Tag. Gestartet ist er für die meisten Menschen normal, er endete für 16 Menschen des Gutenberggymnasiums mit dem Tod und noch mehr Menschen standen nach ihm unter Schock. Direkt Betroffene, wie auch emotional Betroffene. Für einige ging das Leben unberührt weiter, für andere völlig verändert und wieder andere hatten kein Leben mehr. Das ihrer Angehörigen ist bis heute von der Entscheidung eines Einzelnen nachhaltig beeinflusst. Enkel haben keine Oma oder keinen Opa. Großeltern haben keine Kinder und dadurch keine Enkel. Da wurde viel Leid an einem Tag für viele Menschen erzeugt. Direkt Betroffene und Traumatisierte haben andere Lebensläufe, als sie es ohne diese Tat gehabt hätten. Manche leiden noch heute darunter, andere konnten, trotz der Dinge die sie gesehen oder erlebt haben, relativ schnell ‚normal‘ weiter leben. Auch hier ist die individuelle Resilienz nur ein Stichwort. Ich denke viele der direkt Betroffenen werden sich heute erinnern.

Ich, als indirekt Betroffene, erinnere mich an viele Gespräche und die Schweigeminuten für die Toten in der Schule. Ich erinnere mich daran, wie wir im Bio-Unterricht saßen, und von Informationen der Lehrerschaft abhängig waren und der Tageszeitungen, um irgendwie eine Haltung zu diesem Vorfall zu finden. Heute hätten wir die Informationen viel schneller. Vielleicht würden wir aber auch schneller wieder zum Alltag übergehen, weil es eben nichts Außergewöhnliches mehr ist. Ich weiß, wie betroffen die LehrerInnen allesamt waren und wie entsetzt, das „sowas hier bei uns passieren konnte“. Was mich bis heute traurig macht: Wir werden das nicht verhindern können. Wir haben immer noch Waffengesetze, die Privatpersonen Waffen daheim ermöglichen. Als ich am Wochenende durch Bayern fuhr kam im Radio die Meldung, dass der kleine Waffenschein unter anderem in Bayern eine enorme Nachfrage erfährt: Die Anträge auf Anmeldung sind um fast 600 Prozent gestiegen. Die Zahl der Toten auch – 41 allein im Freistaat Bayern in 2016, mehr als die Summe der Toten aus den beiden Vorjahren zusammen.(Siehe BR online) Der kleine Waffenschein berechtigt zum Führen von ‚Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen‘. Personen mit diesem Waffenschein dürfen diese Waffen immer und überall bei sich tragen, der bloße Besitz ist nicht meldepflichtig. Es dürften also weitaus mehr Waffen dieser Art im Umlauf sein in Privathaushalten, kommentiert der Radiosprecher. Eine Statistik gibt es nicht. „Der kleine Waffenschein wurde 2002 nach mehreren Amokläufen in deutschen Schulen eingeführt. Da aber keine Registrierung und Rückverfolgbarkeit dieser Waffen laut Gesetz vorgesehen ist, wurde der Verkauf an potentielle Straftäter durch das Gesetz nicht eingeschränkt.“ (BR Nachrichten auf: http://www.br.de/nachrichten/kleiner-waffenschein-anzahl-anstieg-100.html )

UND GENAU DAS IST MEIN / UNSER PROBLEM!

Aber: Es gibt auch Momente, da freue ich mich, dass alle Taten dazu beigetragen haben, dass die Menschen wachsamer werden. Letzens verhinderte ein 15-Jähriger Schlimmeres, als er nach einem online Chat einen potentiellen Täter der Polizei meldete, auf der Grundlage seines Chat-Protokolls konnten Waffen und ein bereits entworfener Abschiedsbrief sichergestellt werden. (Näheres hier) Viel Leid wurde erspart.

Es sind diese Meldungen, die mich auf weitere couragierte Menschen hoffen lassen. Und ich hoffe immer noch, dass die Gesetzeslage noch mehr verschärft wird, und der „Sport“ mit Waffen so teuer ist, dass ihn sich niemand mehr leisten kann und will – oder noch besser: Dass der private Besitz von Waffen verboten wird. Am Meißten wünsche ich mir natürlich, dass die Menschen das selbst einsehen, dass Waffen Tod bringende Instrumente sind, die einfach keiner im Privatleben braucht.

Waffen sind nicht normal. Waffen sind gemacht, um in letzter Konsequenz Andere zu töten – und deswegen gehören sie nicht in Privathaushalte, sondern nur in die geschulten Hände der Ordnungs- und Sicherheitsbehörden!

Heute wird in Erfurt der Ermordeten gedacht. Und ja, es war ein schwarzer Tag für Erfurt. Aber ich hätte mir eine andere Inschrift der Erinnerungs-Glocke gewünscht – eine die vielleicht positiver in die Zukunft lenkt, dass so ein Vorfall verhindert werden muss. Irgendwie so. Eine die mehr weisend als erdrückend ist. Dafür läuten Glocken auch – weil sie weisen wollen – und auch ihr Schall soll nach hallen. Mehr als jenes Knallen im April 2002.

Herzt eure Lieben und weist ihnen bitte den Weg, in eine gewaltfreie und wertschätzende Zukunft. Wir versuchen unser Bestes.

Birgit

(P.S.: Mein Mann hat diesen Post vorher gegen gelesen, weil es ihn persönlich betrifft. Er findet, ich gehe zu sanft mit den politisch Verantwortlichen ins Gefecht. Er empfindet nur Verachtung dafür, dass die wichtigen Chancen zu Gesetzesänderungen im Waffenrecht seit 15 Jahren ungenutzt sind! Verständlich, wenn man weiß, was er an diesem Tag sehen musste und er seither mit sich trägt.)

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